Sonntag, 2. Juli 2017

Protest und Drugs und RocknRoll ( Campen am/gegen den Knast)

Camps scheinen seit den Assambleas in Spanien und den Occupycamps in USA bzw. Istanbul ein beliebtes Protestmittel von (nicht nur) Teilen der linken Öffentlichkeit geworden zu sein.


Wir haben zum Begriff "Camp/Lager" ganz andere Begriffe, die eher negativ besetzt sind und bestenfalls ne billige Unterbringungsmöglichkeit im Urlaub sein können und uns fällt aktuell dazu nichts tiefschürfend Neues ein wie das was schon mal an anderer Stelle zu dieser Form gesagt wurde:

 Aufstehen nicht Hinsetzen 




aber wenn wir dem Text der Veranstalter*innen folgen, geht es wohl vor allem darum  "darüber nachdenken, wie wir uns besser vernetzen können, wie politische Strategien aussehen können, um der immer stärker werdenden Repression zu begegnen".

Dies findet dann wohl während der letzten Juliwoche (27.-30 Juli 2017) im Rahmen eines Sommercamps in der Nähe von Görlitz statt....

Alles weitere hier:




https://gegenknastundstrafe.blackblogs.org/

Samstag, 17. Juni 2017

Mit dem Kopf durch die Wand

Aufruhr und Rabatz im Ebracher Jugendknast

AUFSTAND! – tönt es sogleich im bayrischen Medienrummel. Doch was war geschehen an besagtem 09. Mai?

Nachdem 15 Gefangene beschlossen die Nacht lieber gemeinsam im Gang des Traktes zu verbringen, als sich wieder in die Einzelzellen einschließen zu lassen, nutzten sie die soeben eroberte Freiheit auch sogleich um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen: Matratzen wurden angezündet, Kameras zerschlagen, Sicherheitstüren zerstört, die Gänge mit Wasser überschwemmt und Essen an die Wände geschmissen.

 So viel Gaudi und Aufmüpfigkeit hat Ebrach (2000 Kühe) seit dem Anti-Knast-Camp der Haschrebellen im Jahre 1969 nicht mehr gesehen.






Die Bullen, Wachteln und bayrischen Ochsen standen unter Schock, die Gefangenen hatten Spaß und bewiesen, dass es nie zu repressiv, zu spät oder zu bayrisch für einen Aufruhr ist.

Und wo sind die Linien eines Konfliktes, die Grenze zwischen Unterdrückten und Herrschenden klarer, als in einem Gefängnis? Und aus der Dynamik eines Aufruhrs, kann auch schnell ein waschechter Aufstand werden… Am besten wissen genau das dieselben Herrschenden, die sich nicht lumpen ließen blitzschnell ein kleines Aufstandsbekämpfungsszenario aufzufahren und mit 100 Bullen und bereitstehendem SEK, sprich bereit für Hinrichtungen, die ohnehin noch immer Eingeschlossenen einzukesseln.

 Kein Wunder, dass jene im Angesicht dieser Armee der Mut versagte und sie sich spät in der Nacht wieder in „ihre“ Zellen einsperren ließen – bzw. dazu gezwungen wurden.





Nun laufen Ermittlungen wegen „Gefangenenmeuterei“ und dergleichen – was nach Piratenromantik klingt, ist mal wieder der niederträchtige Versuch der Justiz zum Vergeltungsschlag auszuholen.

Wir wissen nichts über die näheren Hintergründe und eventuellen Auslöser der Revolte, doch das müssen wir auch nicht, um zu wissen, dass es in diesen Totenhäusern nichts zu erhalten, zu renovieren oder zu verhandeln gibt.

Den Aufrührern in Ebrach gilt unsere volle Solidarität. 


Während wir tagtäglich in unser Scheinfreiheit jenseits der Gefängnismauern etliche Möglichkeiten und Momente verstreichen lassen, alleine als auch mit anderen den Aufstand zu proben und diese Zuchthausgesellschaft mittels geballter Wut und ekstasischer Gaudi zu attackieren, haben die Aufrührer in Ebrach trotz Einsperrung und fehlender Anonymität, trotz drohender Strafen und existierender Isolation kollektiv an einem Strang gezogen und sich – mit dem Kopf durch die Wand – ihre Lebendigkeit zurück erobert.


Kosten wir unsere Möglichkeiten aus und schlagen Brücken indem wir unsere Verbundenheit in gemeinsamer Revolte erproben… denn Freiheit kann nur auf der Asche der Knäste erblühen.




(aus: Fernweh Nr. 26 )    https://fernweh.noblogs.org/texte/26-ausgabe/mit-dem-kopf-durch-die-wand/

Montag, 29. Mai 2017

(Gefängnisse abschaffen? Na und, ändert nichts) ....Antiknastkämpfe und transformative Gerechtigkeit


Die beiden Begriffe stehen erst mal als Verknüpfung nebeneinander.ob zwischen den beiden ein Zusammenhang besteht, soll im folgenden herausgearbeitet werden.


Erst mal zu den einzelnen Begriffen:


Der Kampf gegen den Knast im herkömmlichen Sinne wird ausserhalb der Knastmauern von Anti-knastgruppen bestimmt. Diese stellen einen horizontalen Kontakt zwischen sich und den Gefangenen her und verändern dadurch vor allem die soziale Funktion der Strafe und des Strafvollzuges, in dem sie die Trennung zwischen den "Kriminellen" und den "guten Gesetzestreuen" aufheben und einige darüber hinaus durch ihre grundlegende Knastkritik auch die Absicht der Verschleierung,der Ablenkung von den Handlungen und Taten der jeweils Herrschenden und ihrer Verwalter durchkreuzen.






aber :Antiknastkampf, der die Gefangenen und das Gefängnis ins Zentrum stellt, dreht sich um sich selbst und lässt die Gefangenen weiterhin in der Isolation in der Trennung...hier gilt es sich stattdessen auch an die zu wenden, die ausserhalb der Mauern sind und darauf hinzuweisen, dass heute durch die permanenten Strafverschärfungen und der Kriminalisierung schon der kleinsten Abweichung sie selbst wirklich nur eine Mauer vom Knast entfernt sind...indem wir uns einfach die Prinzipien ansehen, die das Gefängnis bedingen....die des Bestrafens...


diese Prinzipien bleiben , ob nun die knäste reformiert werden oder gar abgeschafft...

...denn unser ganzes Leben lang werden wir mit Gesetzen, Normen, Ünterdrückungsverhältnissen konfrontiert und gehindert...und um dies aufrecht zu erhalten dient die STRAFE als Klammer, als Stärkung in den jeweiligen Gemeinschaften, auch oft in Basisgruppen bis hinein in linke Kreisen und Kollektiven..Abweichungen und Verstösse gegen die jeweilige Ordnung müssen mindestens mit Ausgrenzung rechnen..also anderen überlassen mit den Betreffenden fertig zu werden







Zum Begriff: Transformative Gerechtigkeit....wir alle kennen die herkömmliche, vertikale Gerechtigkeit, die die auf Justiz und Strafe aufgebaut ist, Gerechtigkeit als Vergeltung...


hier interessiert aber die Horizontale, die durch die Interaktion hergestellt wird, durch den täglichen sozialen Austausch zwischen den Menschen...und unter " Transformation" kann "schrittweiser Übergangsprozess" verstanden werden...

Transformative Gerechtigkeit original "transformative justice" als Vision als Idee wurde von verschiedenden Gruppen aus sozialen Bewegungen in den USA entwickelt, die eine Sicherheit innerhalb ihrer Gemeinschaften jenseits von staatlichen Institutionen aufbauen wollten...sie arbeiteten dabei mit Antiknastgruppen und Organisationen der " people of color" zusammen und bewirkt in der Praxis, dass vor allem gewaltausübende Personen sowie deren Umfelder und Gemeinschaften lernen können/sollen, Verantwortung für die ausgeübten Handlungen zu übernehmen...abseits jeglicher Eingriffe staatlicher Gewalt....








sie befasst sich also nicht nur mit der eigentlichen Tat, sondern auch mit deren Ursachen und Zusammenhängen. Die jeweilige Person, die die Tat begangen hat, ist zwar verantwortlich dafür, aber eben nicht allein. Abseits von Strafe und Bestrafung gilt es für die entsprechende Gemeinschaft, Strukturen herauszuarbeiten, die diese Tat begünstigt oder gar legitimiert hat, um dadurch die Bedingungen zu verändern, die die Tat ermöglicht haben.


Hierzulande ist diese Praxis noch neu, in der hiesigen Alternative taucht eher der Begriff "restorative "also wiederherstellende Gerechtigkeit auf und in diesem Zusammenhang der "täter-opfer- ausgleich"...





http://radiochiflada.blogspot.de/2016/10/restorative-justice-gute-alternative.html


In beiden Konzepten RJ und TJ wird der Konflikt vom Staat weg den Tatbeteiligten zurückgegeben, aber bei der Restorativen wird bestenfalls versucht, wieder etwas gut zu machen, wieder etwas zurückzugeben, gemessen an dem Schaden der entstanden ist....
diese Methode versagt jedoch völlig bei Gewalttaten, z.b. bei sexualisierter gewalt...was soll da wiederhergestellt werden, die körperliche und seelische Unversehrheit?...

.
Die transformative Gerechtigkeit dagegen greift die gesamte Situation auf und arbeitet, bei gemeinsamen Willen, an einer Transformation der Beziehungen, setzt also durch die Tat soziale Prozesse in Gang, die sich idealerweise in einer Kombination aus individueller Verantwortung und gemeinsamen Widerstand gegen die unterdrückenden Strukturen und Gesellschaftsverhältnisse aller ergeben..






Im Laufe der Jahre haben verschiedene Gruppen durch auch eigene Erfahrungen in den Stadtteilen, Organisationen und Workshops hilfreiche Tipps im Umgang bzw. im Nutzen der "transformativen gerechtigkeit" öffentlich gemacht...einige davon gibt es inzwischen auch im deutschsprachigen Raum 

http://transformation.blogsport.de/images/TransformativeHilfe.pdf

http://radiochiflada.blogspot.de/2017/05/weder-staat-noch-justiz-broschure.html



 ...Transformative Gerechtigkeit erscheint mir momentan nur praktisch umsetzbar im lokalen Rahmen...da dies aber deshalb nur in der jeweiligen Gemeinschaft Sinn macht, kann es auch nicht übertragen werden, aber für die jeweilige Gemeinschaft insofern förderlich,kann und muss diese doch ihre eigenen Prozesse in Gang setzen, Handlungsfaehigkeit und Selbstbestimmung vor allem fuer die jeweils Betroffene zurueckgewinnen ..

....und dies in moeglichst allen alltaeglichen Kaempfen in den Nachbarschaften, den Schulen Arbeitsplaetzen...durch Ablehnung strafender Reaktionen..so verliert nicht nur das Justizsystem mehr und mehr an Bedeutung....






auch wenn es oft als nicht umsetzbar erscheint, wenn heute noch selbst in linksradikalen autonomen Gemeinschaften mit Ausschluss bis hin zu Appellen an die herrschende Justiz operiert wird...aber entkommen koennen wir diesen letztendlich Herrschafts ( und damit Knast) stabilisierenden Verhalten und Verhaeltnissen nur, indem wir die Justiz, die Richter*innen als Institution und in unseren Koepfen attackieren...in allen moeglichen Dingen und Orten...


dieses Moeglichkeiten durch die Transformative Gerechtigkeit scheinen mir die einzig nachhaltige Loesung fuer eine Herrschafts weil straffreie Gesellschaft zu sein...





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(Niederschrift eines Vortrags bei den "Libertären Tagen 2017" in Köln)


Mittwoch, 17. Mai 2017

"Eh, du bist ja behindert" - Aber nur gegen Quittung !







In dem Pressetext zum „Madpride 2017“ in Köln tauchen völlig selbstverständlich Begriffe wie behindert und asozial auf http://madpride-koeln.de/pdf/madpride2017_pressetext.pdf

--- während das Stigma „asozial“ angeblich einen völkisch-rassischen Hintergrund hat (in Wahrheit aber von Sozialdemokraten und Kommunisten bis in 30erJahre benutzt wurde) ist der Begriff „behindert“ einzig und allein eine medizinische Definition, die eigentlich dem Sinn des "Madpridegedankens" zuwiderläuft... indem sie der sozialen und gesellschaftlichen Bedeutung des „Gehindertseins“ negiert und mit Floskeln wie „alle Menschen zusammen gegen Diskriminierung und Ausgrenzung“ eben dies zudeckt …

 auch Sprache diskrimiert und grenzt aus, eine Sprache die von denen benutzt wird, die die tägliche Unterdrückung und Beherrschung verdecken wollen, die bestimmen, welche „Bildungsmassnahmen“ für „Behinderte“ investiert werden sollen, die immer noch Heime und Ausbeutungsbetriebe in Werkstätten für Integration halten, sie im Rahmen der Toleranz in einen kapitalistischen Konkurrenzkampf um die Verwertung unserer Körper mit „nichtbehinderten“ hineinlächeln, und doch die Herrschaft in der Gesellschaft, in den Institutionen mit modernen Mitteln weiter aufrechterhalten 


.


und die von Einrichtungen wie „Aktion Mensch“ die zu dieser Demo mit aufgerufen hat, jeder Nichtbehinderten die Möglichkeit bietet, per Quittung sich die (Mit)menschlichkeit quittieren zu lassen, eine Mitmenschlichkeit, die sich oft in die Suche nach neuen (bezahlten) Aufgaben begibt, indem sie( vielleicht auch sich selbst) aber den „Behinderten“ vorgaukeln, sie hätten eigentlich zwar Probleme, aber ansonsten wären sie Menschen wie alle anderen auch …

 aber ihnen die Möglichkeit, das praktische Wissen, dass sich die „Gehinderten“ durch ihre täglichen Erfahrungen gemacht haben, durch das Zertifikat der „Experten*innen“ und dem Ausweis der“ fachlichen „Institutionen“ verhindert … die Aussage: „ Es ist die Gesellschaft die uns behindert,  zu behinderten macht“ hat immer noch ihre Gültigkeit... heute eben mit Luftschlangen und Konfetti


  • gegen die Vermarktung unserer Körper
  • gegen die Beherrschung unserer Sinne 
  • für Selbstorganisation auf allen Ebenen

W. (für: Abolisha)

Montag, 1. Mai 2017

Weder Staat noch Justiz --- Broschüre: Weitere Strategien für selbstorganisierte und kollektive Verantwortungsübernahme

Auf diesem Blog hatten wir schon verschiedene Texte zur "Transformativen Gerechtigkeit (Transformative Justice) und "Gemeinschaftsverantwortung(community accountabilty) ... nun ist vor wenigen Tagen der nachfolgende Text erschienen, den wir selbstverständlich und mit tiefer Solidarität hier weiterverbreiten wollen..... 








Liebe Leute, ihr haltet unsere erste Übersetzung in den Händen. Nach mühevollem Puzzlen von Wörtern und Diskutieren von Bedeutungen, freuen wir uns, endlich den roten Stift beiseite gelegt zu haben und nun stattdessen zu kopieren, zu falten und zu verteilen. Fast alles Material mit dem wir in den letzten Jahren gearbeitet haben ist auf Englisch, weshalb uns schnell klar wurde, dass es deutschsprachige Texte und Übersetzungen braucht, um die notwendigen Auseinandersetzungen zu Community Accountability auch im deutschsprachigen Kontext weiter zu bringen. Für unsere erste Übersetzung haben wir aus mehreren Gründen einen Text von der Gruppe CARA (Communities Against Rape & Abuse) aus Seattle, USA, ausgewählt, der 2006 in dem Buch The Color of Violence – the Incite! Anthology und 2008 in dem Onlinezine „The Revolution Starts at Home“ erschien. Der Text ist eine gute Einführung in das Thema und einer der ersten umfassenden Texte zur Community Accountability Arbeit. Im Text werden zum einen 10 Prinzipien als ein theoretischer Rahmen angeboten, zum Anderen gibt er durch drei Szenarien (Erfahrungsberichte) Einblicke in den Versuch einer Umsetzung. Dabei liegt der Fokus auf Communities of Color und die Verschränkung von strukturellen Machtverhältnissen, zwischenmenschlicher Gewalt und sexualisierter Gewalt. Wir denken, dass dieser Text zeigt, wie eine betroffenen-orientierte Arbeit der Community im Falle von Gewalt aussehen könnte, und auch, welche Herausforderungen es bei einer Verantwortungsübernahme von 2 Menschen, die Gewalt ausgeübt haben, zu bewältigen gilt. 


https://www.transformativejustice.eu/wp-content/uploads/2017/04/Das-Risiko-wagen.pdf


Entstehungsgeschichte von Transformative Justice und Community Accountability

 Innerhalb der sozialen Bewegungen der USA haben verschiedene Social Justice-Aktivist_innen die Vision einer Auseinandersetzung mit Gewalt entwickelt, die Sicherheit für marginalisierte Communities jenseits von staatlichen Institutionen (wie Polizei, Gefängnisse, psychiatrischen Institutionen, Kinder- und Jugendhilfe, Migrationsregime) aufbauen wollten.

 Diese Auseinandersetzungen wurden vor allem von cis-Frauen und trans*-Menschen of Color entwickelt und getragen. Von ihnen wurden die Zusammenhänge zwischen staatlicher Gewalt und zwischenmenschlicher Gewalt aufgezeigt. Sie machten auch deutlich, dass es für sie keine Unterstützung, sondern weitere Gewalt mit sich bringt, sich an staatliche Institutionen zu wenden.

Die entwickelten Konzepte sind in enger Verbundenheit mit dem Widerstand gegen den industriellen Gefängnis-Komplex und einer starken Kritik am weißen Mainstream-Feminismus & institutiona-lisierter Anti-Gewalt Arbeit entwickelt worden. Denn diese Art von Arbeit produziert rassistische Kompliz_innenschaft und fördert rassistische Fahndungsraster sowie die Kriminalisierung und übermäßig hohe Inhaftierung von Schwarzen Menschen und People of Color, deren eigene Betroffenheit von sexualisierter Gewalt zu oft unsichtbar bleibt. Auf der Basis dieser Kritik wurden vielfältige Theorien und Praktiken erarbeitet, die sich unter den Überbegriffen Transformative Justice und Community Accountability wiederfinden und die mittlerweile auch in Europa und Australien ausprobiert werden.

 Basis dieser Begriffe ist ein selbstorganisierter, community-basierter und nicht staatlich strukturierter Prozess zur Unterstützung von gewaltbetroffenen Personen und zur Prävention zukünftiger Gewalt. Es geht darum, dass gewaltausübende Personen sowie deren Umfelder und Communities lernen sollen, Verantwortung für die ausgeübte Gewalt zu übernehmen. Definitionsmacht und Community Accountability




 In vielen linkspolitisch-autonomen deutschsprachigen Zusammenhängen wird das Konzept der Definitionsmacht bei sexualisierter Gewalt verwendet, das in den 90er Jahren von feministischen FrauenLesben entwickelt wurde. Dieses Konzept wurde als eine Intervention in bestimmte Kontexte benutzt, die primär hetero und cis-männlich dominiert waren. Dabei ging es vor allem darum, die Unterstützung und Selbstbestimmung von und Parteilichkeit mit Betroffenen möglich zu machen und zu stärken. So wurde das individuelle Erleben von Gewalt und die Macht, das Erlebte auch als Gewalt zu benennen, als Ausgangspunkt gesetzt. Diese Herangehensweise finden wir weiterhin elementar. Der Fokus des Konzeptes der Definitionsmacht beschränkt sich jedoch auf Geschlechterverhältnisse und basiert auf einem weißen deutschen, heteronormativen/geschlechterbinären Blick auf das Thema.

Eine Auseinandersetzung mit (sexualisierter) Gewalt braucht aber unbedingt die Thematisierung von weiteren Machtverhältnissen. Wenn z.B. Rassismus und weiße Normen außen vor gelassen werden, scheitern Prozesse an vielen Punkten. Es geht uns hier darum, die bisher angewandten Praxen und Vorstellungen kritisch zu betrachten, weiter zu denken und zu verbinden. Darüber hinaus stellt für uns Community Accountability weiterführende Fragen: Wen schützt staatliche Gewalt und wem schadet sie? Wer hat Zugang zu welchen Räumen und Ressourcen, z.B. auch zu Diskursen um Definitionsmacht? Welche Gewalterfahrungen werden als solche wahrgenommen und warum, und welche nicht?




https://www.transformativejustice.eu/wp-content/uploads/2017/04/Das-Risiko-wagen.pdf








Donnerstag, 27. April 2017

Zwischen Systemverwaltung und Rebellion- Kampf um Knastreformen am Beispiel des US Gefängnisstreik





Der US Gefängnisstreik vom September 2016 zeigte
die vielen Möglichkeiten, die aus einer konsistenten Beziehungen
zwischen Gefangenen, einer Koordinierung
unter Unterstützern von außerhalb und den Aktionen
von gefangenen Gefährten entstehen können.
 Nachdem ich die Zeit hatte zu reflektieren, 
fühlt es sich für mich wichtig an, zu formulieren,
 was nicht funktioniert hat:
Welche Hindernisse in den Weg der Revolte und ihrer
vielen Formen gelegt wurden.


 Der Artikel von Michael
Kimble teilt die Erfahrung, wie sich das im Holman-Gefängnis,
eines der Zentren des Streiks, ausgewirkt hat,
wo die gefangenen Rebellen Krawall gemacht, Feuer
gelegt, Wärter abgestochen und sogar eine Wachtel
getötet haben. Als jemand, der von der anderen Seite
– ein Anarchist, von außerhalb der Gitterstäbe, der
mit den anarchistischen Gefährten drinnen kollaboriert
hat – in den Streik involviert war, will ich eine weitere
Ebene zu der Kritik von Michael hinzufügen, eine, die
auf die wachsende Tendenz von dem abzielt, was ich als
„Gefangenenunterstützer“[1] bezeichnen will.




Es gibt viele Leute, die mit Gefangenen aus vielen verschiedenen
Gründen kollaborieren: Unter anderen Familien
und Freunde, die ihre Geliebten unterstützen,
Maoisten, die versuchen neue Anhänger zu finden, karitative
Individuen und religiöse Institutionen, die versuchen
die Fehlgeleiteten zu „retten“, Organisatoren, die darauf hoffen die Gefängnisse durch  legislative Kampagnen abzuschaffen ... und Anarchisten, die Affinität mit
jenen finden, die hinter Gitter revoltieren

Auf was ich mich hier fokussieren will,  sind die Organisatoren und
 die Aktivisten –die generell in formalen Organisationen
arbeiten – und die Tendenzen in diesen Gruppen,
die den Streik und die Solidarität hin zu Führerschaft,
Gewaltlosigkeit und Reform geführt haben.


Folgt dem Führer
Zentral für den Mythos des Gefängnisstreiks war seine
Erschaffung durch die sogenannten Anführer des
Gefängniskampfes. Diese „Anführer“ waren, im Gegenteil
zu den Lügenmärchen der Unterstützer von außerhalb,
einfach bestimmte Individuen, die Aktivisten
von außerhalb sich ausgesucht haben, um sie als „Repräsentanten“
der fortlaufenden Revolten zu beschwören.
Wenn man sich das näher ansieht, ist klar, wieso
diese bestimmten Individuen ausgewählt wurden: Sie
bestärkten die eigenen Strategien der Unterstützer von
Reform, Respektabilität und der Gewaltfreiheit. Durch
das Auswählen einzelner Individuen, die mit ihnen
übereinstimmten und ihrer Erhöhung zu Sprechern des
Kampfes, in seiner Gesamtheit, waren diese Aktivisten
dazu fähig, ihre eigenen Strategien als „von den Gefangenen
kommend“ zu legitimieren.

Dieser Neigung hin zur Führerschaft wurde am offensichtlichsten,
wenn diese Positionen in Frage gestellt
wurden. Zahllose Male im Vorfeld des Streiks wurden
Kritiken der Ideologie der Gewaltlosigkeit, die von der
(in)formellen Führerschaft vorangetrieben wurde, von
jener ignoriert, da die Agenda der Gewaltlosigkeit von
„den Gefangenen käme“ und es „schlechte Sicherheit“
sei, zu fragen, wieso ein öffentliches Statement die Erwähnung
von Gewaltlosigkeit beinhalten muss.

Was die Aktivisten einheitlich ignorierten, waren die Stimmen
von kämpferischen Gefangenen (wie Michael Kimble),
die explizit die Sprache von Respektabilität und Reform
kritisierten. In ihrer verzerrten Verehrung der Gefangenenanführer,
die sie selbst ernannt hatten, verdrehten
und marginalisierten die Aktivisten die rebellischen
Akte der Gefangenen, die nicht mit ihnen übereinstimmten.
In der Realität wurde der Streik von hunderten
wenn nicht tausenden Individuen vorangetrieben, von
denen die meisten keinerlei Verbindungen zu einer Organisationen
hatten und die einfach von ihrem eigenen
Verlangen zurückzuschlagen, gegen das was sie unterdrückt
und ausbeutet, ausgingen. Wenn formelle Organisationen
außerhalb der Mauern das nicht sehen können,
liegt das an ihrem Fetisch für formelle Organisationen,
der nichts außer Führer und Gefolgschaft kennt.





Unterstützer, keine Komplizen
Viele dieser Aktivisten haben für sich selbst einen neuen
Kampfschauplatz gefunden: als Vollzeitgefangenenunterstützer.
Während dem Streik wurde von vielen Organisatoren
betont, dass es die Rolle der „Unterstützer
von außen“ sei, daran zu arbeiten, die Repression für
die drinnen zu verringern. Ohne die Wichtigkeit von
Call-Ins[2], dem Verbreiten von Informationen, etc.
herunterspielen zu wollen, muss dies als das kritisiert
werden, was es ist: eine Verweigerung tatsächlicher Solidarität.

 Alfredo Cospito schreibt:
 „Es gibt zwei Typen der Solidarität. Eine passive, die all zu oft dazu dient das
schlechte Gewissen, für die eigenen Inaktivität wegzuwaschen
und die nicht die Lücke zwischen Wörtern
und Taten überbrückt. 
Und dann, die aktive,
konkrete, reale Solidarität, die manche als revolutionäre
bezeichnen, die in der Stille und Anonymität
erschaffen wird, wo einzig destruktive Aktionen
sprechen, sogar durch die Worte, die danach folgen.“

Der Unterschied zwischen diesen zwei Formen der
Solidarität ist von entscheidender Wichtigkeit für
den anarchistischen Kampf. Zu sagen, dass es unsere
Hauptpriorität ist, jene zu unterstützen, die Aktionen im
Gefängnis machen, nimmt uns jede Verantwortung ab,
selbst zu kämpfen. Die Absurdität jene zu motivieren zu
revoltieren, die sich in sehr restriktiven Umgebungen
wiederfinden (und zweifellos mit harschen Konsequenzen
für minimale Verstöße konfrontiert sein werden),
während wir selbst nichts tun, um kämpferisch zu agieren,
ist verblüffend. Es ist Feigheit, außerhalb eines von
Gefängnisarbeit profitierenden Geschäfts zu stehen und
nett Schilder hochzuhalten, während Gefährten für Angriffe
in der Isolation sitzen.




Als Anarchisten suchen wir nicht nach „unterdrückten
Leuten“, deren „Unterstützer“ wir werden können. Wir
suchen jene, mit denen wir Affinität im Kampf teilen.
Diese Beziehung ist keine von Anführer und Gefolge,
angeführt von den „am meisten Unterdrückten“, die
ihre empathischen Unterstützer anführen, sondern eine
Beziehung von aktiver Komplizenschaft. Diese Komplizenschaft
beinhaltet einen gemeinsamen Einsatz von
Sorge und Risiko. Es ist nicht mein Ziel lediglich die
Revolte von jemand anderem zu unterstützen, sondern
für mich selbst nach den Mitteln zu greifen, um diese
Gefängniswelt anzugreifen, so wie sie existiert, in meinem
alltäglichen Leben. Jene, die nach Beziehungen von
Beherrschung und Unterwerfung suchen, werden nur
jene vorfinden. Für den Rest von uns wartet der unbekannte
Pfad der Affinität.

Der neue Pazifismus

Jene, die Leute im Gefängnis dazu ermutigen zu revoltieren,
wissen, dass Gefangene sich mit brutaler
Repression konfrontiert sehen, wenn sie aus der Reihe
tanzen. Anstatt dies als einen Antrieb zu verstehen,
um ihre relative Freiheit zu nutzen, um das Gefängnis
von außen anzugreifen, verwenden Aktivisten dies als
eine Erpressung gegen jeden, der die Gewaltlosigkeit
kritisiert. Die Logik geht wie folgt, weil Gefangene mit
Repression konfrontiert sein werden, müssen sie das
Prinzip der Gewaltlosigkeit befolgen. Im Vorfeld des
Gefängnisstreiks wurde die potentielle Repression gegen
die einsperrten Gefährten wiederholt dazu genutzt
Kritiken, sowohl von drinnen wie draußen, an öffentlichen
Statements, die Gewaltlosigkeit unterstützten, zu
verhindern.

Die pazifistische Ideologie erreichte neue Ausmaße der
Frevelhaftigkeit, als Anführer der Free Alabama Movement
die Bürokraten des Holman-Gefängnisses dafür
kritisierten, dass sie „gewalttätige Angreifer (offender)“[
3] und „soziophatische homosexuelle Täter“[4]
aus der Einzelhaft entließen und forderten, dass das
Gefängnis mehr Wächter einstellt.

Um es klarzustellen:
Viele, die sich in der Einzelhaft fanden, waren dort, weil
sie an Krawallen und Rebellionen während der vorangegangenen
Monate teilgenommen hatten. Unverhohlene
Homophobie, Bedenken um die Sicherheit der Wachteln
entgegen der Unterstützung der Rebellen, die mit
Repression konfrontiert sind und Denunziation jener,
die gewaltsame Aktionen ausgeführt haben, sind widerlich
und eine natürliche Folge der unkritischen Unterstützung
von „Gefängnisanführern“ – besonders jener
Führerschaft, die ideologischen Pazifismus verbreitet.

Was auch immer die sogenannten Anführer auf dieser
oder jener Seite der Mauer sagen, Gefangene scheren
sich nicht um Gewaltlosigkeit. Die Feuer, die Messerstechereien
und der Widerstand drinnen und die Angriffe
auf das Eigentum draußen, zeigen, trotz des dogmatischen
Pazifismus der Anführer, dass die Revolte gegen
das Gefängnis zerstörerisch und unkontrollierbar bleibt.





Abschaffen oder Zerstören?

Es ist nicht genug „Gefängnisse abzuschaffen“. Der
Schachzug die Gefängnisrebellion in Richtung von Zielen
zu lenken, wie einer Untersuchung der Gefängnisbedingungen
durch das Department of Justice, die Liberale
ansprechen und legislative Reformen, werden nichts
ändern, außer, dass sie ein neues heimtückischeres Regime
der Macht schaffen. Es ist nur durch die selbstorganisierte
Attacke – ohne der Zwischenschaltung einer
Führerschaft und ohne das Zerschlagen unserer Leidenschaft
frei zu sein, durch das Gewicht der vor Schuld
triefenden Unterstützerpolitik – dass wir die Gefängnisse
zerstören werden.
 Dem von der Führerschaft und
den Aktivisten vorangetriebenen (und logischerweise,
durch die kapitalistischen Medien aufgegriffenem) Narrativ
zum Trotz, verlief der Gefängnisstreik außerhalb
der Kontrolle jedweder Organisation oder Anführer,
jenseits des Pazifismus und der Reform.
Als Anarchisten im Gefängnis und Anarchisten außerhalb
des Gefängnisses, werden wir damit fortfahren den
Feind wo und wann immer es möglich ist anzugreifen.


Jenseits der Abschaffung: Zerstörung jetzt!



[1] A.d.Ü.: Das in der englischen Version gebrauchte
„allie“ und „supporter“, wird hier synonym mit Unterstützer
übersetzt.
[2] A.d.Ü.: „Call-Ins“ sind eine aktivistische Praxis, bei
der bei Institutionen und Verantwortlichen angerufen
wird, um Druck aufzubauen.
[3] https://freealabamamovement.wordpress.
com/2016/09/17/press-release-2/
[4] https://freealabamamovement.wordpress.
com/2016/09/18/a-threat-to-violence/

***

siehe auch: Von negativen und anderen Reformen  http://radiochiflada.blogspot.com/2017/02/gefangenengewerkschaft-auch.html


aus: AVALANCE , März 2017

Donnerstag, 30. März 2017

"Warten dass die Knastmauern dich ausspucken" ....FolkBand "Dishlicker"


Am Dienstag spielte die (kleine) Gruppe vor der Knästen in Aachen und Köln. Bei ihren Auftritten vor den Mauern sind auch "lokale" Liedermacher*innen eingeladen. In Köln war es Klaus der Geiger, der mit ihnen die Mauern zum Beben und die Zellen zum Schwingen brachte


(Ihre Lieder s.u. der Link)



Warten 

1. Starren auf die Festung, die so viele gefangen hat 
Irgendetwas tun, doch meine Gedanken wandern zurück zu dir 
Meine unsichere Hoffnung in den Augen meiner Freunde zu sehen 
Und wissen, dass wir wahrscheinlich noch oft auf einander warten müssen 
Und ich warte 
Warte, dass die Knastmauern dich ausspucken, als anderen Menschen als den, dem ich nicht mal Tschüss sagen konnte 
Warte, dass jemand eine Entscheidung trifft über ein anderes Leben, ohne sich darum zu scheren 
Warte auf den nächsten den es erwischt, meistens nicht lange 
~Kennst du das, sehnlichst auf jemanden zu warten und so zu vermissen, wie du noch nie zuvor vermisst hast 
Das ist mein Leben, so dreht sich die Welt, doch ich bin mir sicher, dass etwas fehlt 

2. Ständiges Piepen, Klingeln und Klackern der Tastaturen 
Tägliche Routine 
Auf die Zunge beißen, den Blick senken und keinen Wiederstand leisten 
Nicht auffallen und immer versuchen, wie die Kollegen zu sein, zumindest von außen 
Und du wartest 
Wartest auf Reichtum oder zumindestens auf Rente 
Wartest auf Anerkennung und darauf etwas Besonderes zu sein 
Und deswegen läufst du im Gleichschritt? 
~Kennst du das sehnlichst auf etwas zu warten? und so zu vermissen wie du noch nie zuvor vermisst hast 
Das ist dein Leben, so dreht sich die Welt, doch ich bin mir sicher das dir was fehlt 

3. Kälte und Leere, die unter ihre Kleider kriecht und ruhelose Müdigkeit 
Neonfarben, die was vom schönen Leben erzählen, vor ihren laufenden Nasen und doch so weit weg 
Abfällige Blicke auf sie und ihre Schlafsäcke, auf das was sie noch haben 
Und sie warten 
Warten auf ein Leben mit einer Heizung und Rückzug 
Warten darauf nicht mehr getreten zu werden, von denen, die denken ihr Leben sei schlimmer durch sie und nicht begreifen, dass sie nur Angst davor haben genauso zu leben 
Es ist so lächerlich, dass sie darüber weinen möchten aber sie können es schon lange nicht mehr 
~Kennst du das sehnlichst auf etwas zu warten? nicht mehr zu können? 
Das ist ihr Leben so dreht sich die Welt, doch ich bin mir sicher das da was fehlt 

4. Tägliche Unterdrückung, Kontrolle und Gehirnwäsche 
Shoppen, Medien, Ficken, Trinken, Arbeiten, Sterben und verdammte Privilegien 
Angst dagegen zu stehen und all das zu verlieren, unterdrückte Wut 
Und wir warten 
Warten, dass der ganze Wahnsinn hier aufhört 
Warten auf eine Welt, in der es dieses ganze Warten nicht mehr gibt, 
Anarchie wie manche es nennen, wirkt weit weg 
Aber es gibt doch viele Momente, da ist mir ein kleines Stück Anarchie begegnet und das Warten hatte für eine Zeit ein Ende




https://dishlicker.bandcamp.com/album/reality-sounds-better