Mittwoch, 25. Oktober 2017

Was kriminell ist bestimmen die Herrschenden...(geklauter Beitrag von DLF)

"Der entscheidende Anstoß, Kriminologie oder Verbrechen und Strafen in einer anderen Weise zu sehen, kam eigentlich aus den USA. Und zwar während man sozusagen in Europa und auch in Deutschland annahm, dass es ganz bestimmte Merkmale des Verbrechers geben könnte, sagten die Amerikaner oder eine Richtung in der amerikanischen Soziologie, das sind eigentlich Definitionen, das sind eigentlich Konstruktionen. Dass eigentlich Kriminalität nicht ein Merkmal der Handlung selbst ist, sondern auf den Definitionen durch das Recht und die Gesellschaft beruht. Dass sozusagen die Herrschenden bestimmen, was kriminell ist und wer kriminell ist." 



http://www.deutschlandfunkkultur.de/auffallend-unauffaellig-warum-frauen-weniger-kriminell.976.de.html?dram:article_id=398928


Hier der Link zur Audiodatei: http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2017/10/23/auffallend_unauffaellig_frauen_im_reich_des_verbrechens_dlf_k_20171023_1930_0cd85bed.mp3






siehe auch hier: Die Entstehung der Frauenknäste: http://digitalresist.blogspot.nl/2015/04/wenn-eine-wutend-wird-legt-sie-in.html

Montag, 9. Oktober 2017

(Transformative Gerechtigkeit/Community accountability)...Gerechtigkeit? welche Gerechtigkeit? --- Vortrag bei den "Anti-Knasttagen" Oktober 2017 in Berlin

Zuerst etwas zu mir: Als „Ex-Gefangener" und Überlebender habe ich lange Zeit in verschiedenen Antiknastgruppen mitgearbeitet, zuletzt im Autonomen Knastprojekt Köln. Eine der zentralen Aufgaben und Handlungen war es u.a. Alternativen zum vorherrschenden Knast-und Strafsystem zu diskutieren und weiterzugeben.... Das Konzept "Transformative Gerechtigkeit" bietet die Möglichkeit, dies in einen grösseren Rahmen zu stellen….





Gerechtigkeit: Gerechtigkeit bedeutet vieles, für mich heisst das so was wie fair zu sein und gleichgestellt... in der momentanen Gesellschaftsordnung, in der wir uns mehr oder weniger bewegen, ist die „gerechte, verdiente Strafe" das Credo, die vertikale Gerechtigkeit, die auf Justiz und Strafe aufgebaut ist, und sich durch das Straf-und Gewaltmonopol des Staates legitimiert...es gibt nicht wenig Leute, die darin historisch einen Fortschritt sehen (Stichwort: der Mensch ist des Menschen Wolf)





Staatliche Institutionen sind daher die einzigen denen es die Gesellschaft erlaubt unmittelbaren Zwang gegen andere anzuwenden, die Legitimität des Staates als Ordnung aufrecht erhält und sie als alternativlos darstellt; und so begreifen die staatlichen Organe alle Taten gegen sich und nehmen dadurch dem jeweils Betroffenen den Konflikt weg... das gegenwärtige Strafsystem übernimmt die Kontrolle und belässt die eigentlich Betroffenen in eine machtlose Opferrolle.. ohne direkten Einfluss auf das Geschehen




Die transformative oder umgestaltende Gerechtigkeit bringt die ursprünglichen Konfliktparteien dagegen wieder in den Mittelpunkt des Geschehens, weg vom Staat wird die Tat also nicht über das jeweilige Strafgesetz definiert, sondern als Konflikt persönlicher und sozialer Beziehungen.. und gibt den so genannten Opfern so was wie die Würde durch Selbstbestimmung zurück, eine Selbstbestimmung, die so eine wirkliche und nachhaltig Verarbeitung des Geschehens möglich macht, unterstützt werden sie dabei durch eine Gemeinschaft ,nämlich derjenigen, wo der Konflikt entstanden ist...















Wir sind alle Produkte einer unterdrückenden Gesellschaft, leben in komplexen wechselseitigen Beziehungen von Unterdrückern und Unterdrückten (Stichwort: Intersektionalität).... denn unser ganzes Leben lang werden wir mit Gesetzen, Normen, Unterdrückungsverhältnissen konfrontiert, gehindert und übernehmen sie, üben in gewissen Zusammenhängen selbst diese Unterdrückung aus...und um dies aufrecht zu erhalten dient die Strafe als Klammer, als Stärkung in den jeweiligen auch oft Basisgruppen bis hinein in linke Kreise und Kollektive... Abweichungen und Verstösse gegen die jeweilige Ordnung müssen mindestens mit Ausgrenzung rechnen ... Gewalt existiert so auf vielfältige Weise: körperliche, psychische, verbale und sexualisierte Gewalt, Diskriminierug, Abwertung, Anfeindungen aufgrund von Herkunft, Alter usw. durch Einzelpersonen wie auch auf struktureller Ebene...

Bei der umgestaltenden Gerechtigkeit dagegen geht es nicht um eine neue Unterdrückung, sondern um die Möglichkeit, das jede/r und alles sich ändern kann, ob in den Beziehungen und/oder den jeweiligen Strukturen... d.h die transformative Gerechtigkeit unterstützt die Betroffenen durch die jeweilige Gemeinschaft durch entsprechende Sicherheit , aber appelliert auch an die Verantwortung und Verhaltensänderung bei den „Tätern" und „Täterinnen" als Mitbetroffene, soweit sie dazu bereit ..er oder sie als Mitdenkende, Mitentscheidene einbezogen werden...ohne strafende Reaktionen..






Beispiel: eine Gewalttat. Keiner nützt es nachhaltig, die gewaltausübende Person der Justiz und dem Gefängnis auszuliefern, eine Person, die Gewalt als sozial erlernte erfolgreiche Verhaltensweise durch entsprechende Umgebungen usw. eingesetzt hat und die dann in einen weiteren Strudel der Gewalt gerät....dessen Auslieferung oder Ausschluss ändert nichts an den Wurzeln und der Fortführung der Gewalt. Das Wiederherstellen oder Neuaufstellen der sozialen Beziehungen erscheint nachhaltiger. Beiziehungen, die von der entsprechenden Gemeinschaft unterstützt wird..






Was ist mit der Gemeinschaft gemeint? Das kann der Freundeskreis sein, das Autonome Zentrum wie auch der Arbeitsplatz, die Schule, die Nachbarschaft, da wo, wie gesagt, der Konflikt passiert ist. Dazu gibt es einen weiteren Oberbegriff der übersetzt sowas wie „gemeinsame Verantwortungsübernahme" community accountability heisst'. ...gemeinsame Verantwortung heisst, die klassischen Aufteilungen wie „Opfer" und „Täter" und wir die Guten und sie oder er das Böse, abzulehnen, weil es herauszufinden gilt, in welchem Zusammenhang welchen Hintergründen die Tat geschehen ist, die Ursachen zu erkennen ( Stichwort: intersektionales System) und daraus neue Handlungen entwickeln zu können,





Der Gemeinschaft kommt dadurch eine vielleicht anfangs nicht zu bewältigende Rolle zu,wird sie doch selbst gefordert, ihrerseits anzuerkennen, das wir alle Möglichkeiten und Fähigkeiten haben, Gewalt in verschiedenen Situationen auszuüben, und sei es auch nur bei dem Moment, wo wir andere stigmatisieren, ausgrenzen, Gewaltverhältnisse durch individuelle Übertragung negieren... und deshalb als Ziel auch eine Transformation des gesamten Umfelds erreichen müssen..


Beispiel: Wenn ein Armer eine andere Arme beklaut, so helfen weder Knast noch Wiedergutmachung, sondern nur der gemeinsame Kampf gegen die Armut (und deren Ursachen)


Soweit zur Theorie: In der Realität sind diese Gemeinschaften kaum oder nur ansatzweise vorhanden.. das Erarbeiten solcher Gemeinschaften sollte schon eine der Voraussetzungen für eine wirkliche Breite der umgestaltenden Gerechtigkeit sein..für eine grundlegende Änderung zu einer straf-und repressionsfreien Gesellschaft müssten die Inseln der Autonomen Zentren und sogenannten Affinitätsgruppen verlassen und mehr den Schwerpunkt in die alltäglichen Kämpfe verlagert werden, in die Stadtteile, die Fabriken, die Nachbarschaft usw, bleiben sie in ihren "geschützten Räumen" (Stichwort: Safety Spaces), erinnert mich das eher an eine Erzählung von Edgar Allan Poe „Die Maske des roten Todes"...






die transformative Gerechtigkeit erscheint momentan zwar nur im lokalen Rahmen umsetzbar... aber da es nur in der jeweiligen Gemeinschaft Sinn macht, kann es auch nicht als allgemeines Dogma übertragen werden, was den anderen jeweiligen Gemeinschaften aber Raum und Möglichkeit lässt, ihre eigenen Prozesse in Gang zu setzen …





Vielen Dank für die Aufmerksamkeit !

W.H.   (aboli@riseup.net)




Mittwoch, 20. September 2017

Anti-Knasttage 2017 --- diesmal in Berlin !



http://antiknasttage2017.blogsport.eu

Für die Anti-Knasttage, die vom 6 - 8.Oktober in der SfE im Mehringhof in Berlin-Kreuzberg stattfinden, sind einige interessante Veranstaltungen geplant.

Auch wir werden mit einem eigenen Beitrag dort sein http://antiknasttage2017.blogsport.eu/transformative-gerechtigkeit/....





Programm

Veranstaltungsprogramm

Freitag Veranstaltungen
17:00 Eröffnungsveranstaltung
19:00 Über Forensik und Knast
20:00 Alltag und Repression in der DDR
Samstag
11:00 Feindstrafrecht: Politische Strafverfahren gegen nicht-deutsche Linke
12:00 Geschichte des Anarchist Black Cross und Aktivitäten von ABC Wien
13:00 Wege durch den Knast: Buchvorstellung
14:00 Reine Lehre oder kleine Schritte?
14:00 Kommunikation mit Gefangenen
16:00 forensischen Unterbringung im Maßregelvollzug – geschlossene Gesellschaft
17:00 Gefängnisindustrie – Sklaverei 3.0
19:00 Transformative Gerechtigkeit
20:00 Sicherungsverwahrung
21:00 Abendveranstaltung: Briefe von Gefangenen
Sonntag
11:00 Veranstaltung zum K.O.M.I.T.E.E. Verfahren
12:00 Isolationshaft
13:00 Knast macht krank
14:00  Die Änderungen im Berliner Strafvollzugsgesetz und die Auswirkungen am Beispiel der Verletztenbezogenen Vollzugsgestaltung
15:00 Abschlussdiskussion

was euch bei den Anti-Knast-Tagen noch erwartet …

Kino
Am Samstag werden ganzen Tag Filme laufen, die sich mit dem Thema Knast auseinandersetzen.
Ausstellung
Karikaturen und Zeichnungen von Gefangenen
Informationsstände
 Gruppen und Projekte stellen sich vor
Offener Raum
 zur Vernetzung und zum Austausch von Interessierten, Angehörigen, Aktivist*innen …
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Freitag, 8. September 2017

Arm in Knast und ohne Zwangsarbeit...Erhöhung des Sozialeinkaufs ist mit Erhöhung des Mindestlohn vereinbar

Der folgende Artikel war für die Nummer 3 der Gefangenengewerkschaft/BO "Outbreak" geschrieben worden. Aus nicht erklärten Gründen wurde er von der Redaktion abgelehnt. Zu den Hintergründen können wir nur spekulieren, z.b. darüber, dass die momentan Herrschenden nicht vergrätzt werden sollen, wenn neben der Forderung nach Mindestlohn im Knast nun auch noch die "Arbeitsscheuen"im Knast mehr Geld fordern....
Wir veröffentlichen diesen Text, weil wir auf Seite der Gefangenen sind und keine Kollaboration mit den jeweils Mächtigen jemals angestrebt haben und auch nicht anstreben wollen/werden....(siehe auch hier: https://radiochiflada.blogspot.de/2017/02/gefangenengewerkschaft-auch.html


(Hier gehts im Text weiter)
http://akpradio.podspot.de/files/akp%20%289%29.mp3  (Hier das Interview mit dem Autor zum nachfolgenden text)





Die Gründung der Gefangenengewerkschaft vor drei Jahren hat den Blick wieder gerichtet auf einen wichtigen Teil des Knastalltags, die Arbeit der Gefangenen. Eigentlich ist es ja ein Irrsinn, diejenigen, die einen einsperren, auch noch mit seiner Arbeit zu unterstützen. Warum tun es trotzdem die meisten Gefangenen, obwohl sie nur ein Butterbrot verdienen und die Arbeit oftmals immer noch stupide ist?

Drinnen wie draußen wird unter Zwang gearbeitet. Dies gilt zumindest für uns Billiglöhner. Draußen erfolgt der Druck über die ökonomische Schiene. Wenn Du nicht jeden Drecksjob annimmst, kriegst du kein Hartz 4 mehr. Drinnen kriegst Du eh kein Hartz 4, sondern ein Taschengeld von etwa 30 Euro (ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich).
Aber selbst dieses Taschengeld wird Dir gestrichen, wenn Du die Zwangsarbeit verweigerst.

Auch wenn einzelne Bundesländer die Arbeitspflicht abgeschafft haben oder dies planen – in den allermeisten Bundesländern herrscht noch Arbeitspflicht, d.h. Zwangsarbeit. Wer dies verweigert kann mit Hausstrafen, z.B. Arrest bestraft werden. Hinzu kommt, daß in den allermeisten Knästen während der Arbeitszeit die Zellen geschlossen sind. Wer also nicht arbeiten geht, bleibt in seiner Zelle eingeschlossen. Wer die Zwangsarbeit also verweigert sitzt fast 23 Stunden alleine in der Zelle, bekommt noch nicht mal den Taschengeldeinkauf und riskiert noch Hausstrafen. Nicht JedeR ist zum“Helden“ oder zur „Heldin“ geboren. Da macht es dann schon Sinn, sich zusammenzuschließen und gemeinsam für Veränderung zu kämpfen.



Apropos Kämpfen. Schon vor der Gründung der Gefangenengewerkschaft war die Zwangsarbeit und der Kampf dagegen ein Thema unter den Gefangenen. Während meiner Haftzeit in den 70er und 80er Jahren hörte ich es immer wieder: "Wenn wir morgen nicht zur Arbeit ausrücken, bricht alles zusammen. Ich würd ja mitmachen, aber die anderen..." Ja, ja, immer die bösen anderen
. In der JVA Straubing gab es in den 80er Jahren eine Verabredung zu einem wilden Streik. Leider sind dann 90% morgens doch zur Arbeit gelatscht. Die Angst war wohl doch zu groß. In Ermangelung eines großen Streiks fand der Kampf gegen die Zwangsarbeit dann in bescheidenerem Rahmen statt. Beliebt waren beispielsweise kleinere Sabotageaktionen. In einer Anstaltsdruckerei wurden Haftbefehle gedruckt. Leider schlich sich ein kleiner Druckfehler ein. So mußten Berge von Haftbefehlen vernichtet werden. Ach wie schade. Etwas mehr Aufmerksamkeit fand eine Aktion der gefangenen Arbeiterinnen in der JVA Plötzensee. Diese mußten Einwegbesteck für die Lufthansa in Tütchen einpacken. Leider fanden die Flugpassagiere in diesen Tütchen auch Zettelchen, auf denen stand dann „made in Zwangsarbeit“ oder „an Bord befindet sich eine Bombe“. Manchmal war dem Besteck auch ein Haar oder wenig appetitanregende Dinge beigefügt. Nach mehrfachen Protesten von Fluggästen zog die Lufthansa den Auftrag an die JVA Plötzensee zurück. Ach wie schade.


Dies waren aber nur einzelne spektakuläre Aktionen. Weit verbreitet war dagegen so eine Art Dienst nach Vorschrift. Mann oder Frau hat also nur das getan, was unbedingt sein musste, um nicht sanktioniert zu werden. Woher sollte auch die Lust an der Arbeit kommen, wenn mensch dazu gezwungen wird und dafür nur ein kleines Taschengeld kriegt?
 Es ist ein Verdienst der Gefangenengewerkschaft, die ökonomische Situation der Gefangenen einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln. Ging es zu Beginn nur um die Gefangenen, die Zwangsarbeit leisten, so findet langsam auch eine Öffnung hin zu den nichtarbeitenden Gefangenen statt. Für mich ist das ein entscheidender Punkt.

Für Außenstehende mag es ja verwunderlich sein, dass sich viele Gefangene geradezu drum reißen, für 100 Euro einen miesen Knastjob machen zu können. Erklärbar ist dies nur mit der erbärmlichen ökonomischen Situation der nichtarbeitenden Gefangenen. Ein sogenannter Sozialeinkauf von 30-40 Euro im Monat ist einfach ein Witz. Das ist gerade mal ein Euro am Tag.
Den schönen Worten, die PolitikerInnen in ihre Strafvollzugsgesetze schreiben, steht dieser erbärmliche Euro am Tag gegenüber. "Angleichung der Lebensverhältnisse mit denen draußen" usw. Alles Blabla. Was bleibt, ist dieser jämmerliche Euro am Tag. Soviel ist den meisten ParlamentarierInnen einE GefangeneR wert.
  Eine Anhebung des Sozialeinkaufs auf 5 Euro am Tag wäre kein großer Schritt und würde das Land nicht an den Rande des Ruins bringen.









Solange aber in- und außerhalb der Parlamente viele der Ansicht sind, dass es den Gefangenen ohnehin zu gut geht, ist eine schnellere Verbesserung nicht zu erwarten. Wir werden noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, bis sich was verändert.


Wir alle wissen, wie beschissen Hartz4 und die Grundsicherung sind. Trotzdem wäre es unter dem Angleichungsgrundsatz das Sinnvollste, die Gefangenen in das System von Hartz4 oder Grundsicherung einzubeziehen bzw. sich dem anzunähern (ohne allerdings all die Schikanen von Hartz 4 zu übernehmen)
Im Klartext: nichtarbeitende Gefangene erhalten einen Geldwert, der dem von Hartz 4 entspricht.. Davon wird die Gemeinschaftsverpflegung abgezogen. Der Verpflegungssatz liegt je nach Bundesland bei etwa 220 Euro. Der Rest steht den Gefangenen zum Einkauf zur Verfügung. So einfach ist das.



Warum fallen Hart4 EmpfängerInnen eigentlich sofort mit der Inhaftierung aus dem Leistungsbezug raus? Dies hat mit dem pervertierten Arbeitsbegriff in diesem Land zu tun. Hunderttausende arbeiten den ganzen Tag, aber ihre Arbeit wird nicht als Arbeit anerkannt. Dies gilt nicht nur für die Gefangenen, sondern u.a. auch für Menschen in Behinderteneinrichtungen, Psychiatrien, Ein-Euro-Jobber usw.





Wie absurd die gesellschaftliche Definition von Arbeit ist, will ich an drei Beispielen verdeutlichen:
- Eine Mutter mit 4 Kinder kümmert sich 24 Stunden um die Kinder. Keine Arbeit? Eine Kindergärtnerin kümmert sich 8 Stunden um 6 Kinder. Arbeit!
- Ein Mensch im Miele-Werk baut Schalter in einen Staubsauger ein. Arbeit! Ein Mensch in der JVA-Rheinbach stellt Kabeltrommeln für diesen Staubsauger her. Keine Arbeit?
- Ich schreibe diesen Artikel. Keine Arbeit? Ich schreibe diesen Artikel als angestellter Journalist. Arbeit!



Dahinter steckt das Bestreben, möglichst viel Arbeit schlecht oder garnicht zu bezahlen. Diese Haltung ist besonders bei denen ausgeprägt, die selber über ein hohes Einkommen verfügen. Ich denke, je mehr mensch sich mit der Gefangenengewerkschaft beschäftigt, desto mehr wird mensch bemerken, wie ungerecht diese Gesellschaft ist. Alles hängt davon ab, dass Arbeit endlich als Arbeit anerkannt wird. Die Herrschenden sind dabei durchaus widersprüchlich. Einerseits schreiben sie, dass die Gefangenen zur Arbeit verpflichtet sind, andrerseits behaupten sie, dass dies gar keine Arbeit sei. Sie drehen es sich eben so, wie es am Besten passt.


Die Frage ist nun, was dagegen zu tun ist. Öffentlichkeit schaffen, Bündnispartner suchen - alles wichtig und gut. Letztendlich wird aber eine Gewerkschaft, die nicht in der Lage ist Arbeitskämpfe zu führen, nicht wirklich ernst genommen. Nun haben Gefangene kein Streikrecht, da sie ja von den Wortjongleuren zu NichtarbeiterInnen erklärt werden. Es muss also ein Ziel der Gefangenengewerkschaft sein, das Streikrecht für die Gefangenen durchzusetzen.

 Auf dem Weg dahin ist es sicherlich sinnvoll, die Firmen öffentlich zu machen, die von der "Beschäftigungstherapie" der Gefangenen profitieren. MancheR wird sich da wundern, wer da dann alles auf der Liste steht. Automobilkonzerne, Miele, Gardena und viele andere. Das who is who der deutschen Industrie. Eigentlich müssten zumindest die gewerkschaftlich organisierten KollegInnen in diesen Konzernen sagen: "Unsere gefangenen KollegInnen müssen auch anständig bezahlt werden". Soweit reicht aber bislang die gewerkschaftliche Solidarität nicht. Wird Zeit, dass sich was dran ändert.




G.


Montag, 7. August 2017

Politische versus anarchistische Gefangene ? Notwendigkeit oder wiederkehrende Inszenierung?

Regelmässig zum 18.Oktober findet der "Tag des politischen Gefangenen" statt(veranstaltet von der "Roten Hilfe" und anti-imperialistischen Gruppen).
Dem entgegen wird seit einigen Jahren die "Woche der anarchistischen Gefangenen" von so genannten ABC(Anarchist Black Cross ) Gruppen ausgerufen.




Was es in der Vergangenheit mit dieser Unterscheidung auf sich hat, versucht folgender Beitrag über die Geschichte des Anarchist Black Cross zu erklären... heute beziehen sich  viele ABCGruppen auf die Gefangenen aus dem  sogenannten "Insurrektionalismus", eine nihilistische Strömung eher der Autonomen, die sich selber als die "wahren Anarchisten" sehen....

http://radiochiflado.blogsport.de/2010/03/27/der-aufstaendische-anarchismus/







"Wir glauben, das Gefängnisse keine anderen Funktionen haben, als der Erhalt der herrschenden Klasse.Wir glauben auch, dass eine freie Gesellschaft alternative und effektive Wege finden kann, um mit "anti-sozialem Verhalten" umzugehen. 
Aber das kann nur geschehen durch eine drastische Veränderung der ökonomischen, sozialen und politischen Systeme.
Unser primäres Ziel ist es, diese fundamentalen Änderungen umzusetzen,, aber das bedarf nicht nur des Aufbaus sondern auch der Verteidigung.
Wir verteidigen all jene, die in diesem Kampf gefangengehalten und verfolgt werden " (Anarchist Black Cross Federation)



Die Gründung des „Anarchistischen Roten Kreuzes“ wird von Rudolf Rocker, dem „Schatzmeister“ des „ABC“ in London, zwischen 1900- 1905 angegeben. Genauer sind die Angaben von Harry Weinstein, einem der beiden Männer, die 1906 die Gruppe in Russland organisierten.

Andere sprechen von 1907. Zu diesem Jahr fanden zwei Konferenzen in London statt, an der 
Vera Figner sich mit Anarchist*innen traf, um die Notlage der Gefangenen in Russland zu besprechen.




Heute können wir wohl den Ursprung des „Anarchistischen Roten Kreuzes“ zwischen 1906 und 1907 in Russland sehen. Der Juni 1907 gilt für die Entwicklung der inter-nationalen Gruppen.

Der Grund bleibt unstrittig: Das „
Politische Rote Kreuz“ wurde in der Zarenzeit von Sozialdemokraten kontrolliert, die sich in der Regel weigerten, trotz fortlaufender Spenden, revolutionäre und anarchistische Gefangene zu versorgen.


Die Mitarbeiter*innen des „Anarchistischen Roten Kreuzes“ wurden vom zaristischen Regime verhaftet und gefoltert, einige auch ermordet. Die Organisation wurde verboten, eine reine Mitgliedschaft reichte, um in die Arbeitslager nach Sibirien zu kommen.
Nur wenige überlebten dort. Die, die entkamen, gründeten Gruppen in London, New York, Chicago und anderen Städten.

Zwischen 1918 – 1920 änderte die Organisation in der Ukraine ihren Namen in „Anarchistisches Schwarzes Kreuz“ um, um Verwechselungen mit dem „Internationalen Roten Kreuz“ zu vermeiden, geriet dann aber unter dem bolschewistischen Regime wieder in Not. Wieder Verbote, wieder Verhaftungen und Tod....

Bei ihnen.. Olga Taratuta.



Olga war eine der wenigen Frauen, die nicht aus adligen oder großbürgerlichen Häusern kamen und trotzdem studieren konnten. Ihr Vater hatte einen kleinen Verkaufsladen in dem ukrainischen Dorf, wo sie nach dem (kurzen) Studium als Lehrerin arbeitete. 

Sie hatte nur Unverständnis, manchmal etwas Spott für die Gebaren der anderen Studentinnen, die aus Aristokratenkreisen kamen, Dienstboten und Kinderfrauen gewohnt waren und deren vorrangiges Streben darin bestand, sich aus den vor allem sexuellen Konventionen ihrer Umgebung zu lösen und sich oft durch Scheinehen Pässe für Europa besorgen zu können zu können.

Olga erlebte die Missachtung dieser Frauen gegenüber den Arbeiterinnen, die Verelendung der Leibeignen auf den Gütern und – als Tochter jüdischer Eltern – die täglichen Pogrome vor allem auf den Dörfern hautnah mit.
 







Als Olga 1908 in Kiew mit einer kleinen Gruppe die Gefängnismauern in die Luft sprengen will,  um einige Anarchisten herauszuholen, wird auch sie verhaftet und zu 21 Jahren Kerkerhaft verurteilt.
Die Oktoberrevolution 1917 holt sie da erst einmal raus.

Olga nahm bald Kontakt zu der Machnow Bewegung auf, die ihr rd. 5 Millionen Rubel (aus Enteignungen und Diebstählen) gaben, um mit dem Geld in Charkiw (Ukraine) das "Anarchistische Schwarze Kreuz “ aufzubauen und den gefangenen Revolutionären möglichst viel Unterstützung geben zu können.


„So unglaublich es auch klingen mag, und doch ist es Tatsache: Die Zuchthäuser und Gefängnisse Russlands sind heute dicht bevölkert von den besten revolutionären Elementen des Landes. Von Männern und Frauen, die Anhänger der höchsten sozialen Ideale und Ziele sind. Im ganzen weit ausgedehnten Gebiete Russlands, sowohl in Groß- Russland wie auch in Sibirien, sind die Gefängnisse des alten wie des neuen Regimes und die düsteren Verließe der Tscheka, in die keine Nachricht aus der Außenwelt dringt, überfüllt mit Revolutionären aller Parteirichtungen und Bewegungen. Da sind Maximalisten, Kommunisten, Anhänger der „Arbeiter- Opposition“, Anarchisten, Anarcho- Syndikalisten und Universalisten, Anhänger verschiedener Schulen sozialer Philosophie; aber alle sind sie wahre Revolutionäre, und die meisten waren begeisterte Teilnehmer der November- Revolution 1917.
Aus den Gefängnissen in Moskau, Petrograd, aus Orel und Wladimirk, aus den fernen Provinzen des Ostens und von Kameraden, die verbannt sind in den eisigen Norden, kommen entsetzliche Nachrichten. Der Hunger, der furchtbare Skorbut frisst an ihren Leibern. Ihre Hände und Füße schwellen an, ihre Gaumen werden lose und die Zähne fallen ihnen aus. Die Körper zerfallen lebendigen Leibes.


Kameraden! Eure Ohren müssen diesen Hilfeschrei hören! Die russischen Anarchist*innen (des Schwarzen Kreuzes) sind nicht mehr fähig, auch nur die allerelementarsten Bedürfnisse ihrer gefangenen Kameraden zu befriedigen; sie können ihr Hilfswerk nicht fortsetzen, ohne dass sie Hilfe von ihren Freunden aus anderen Ländern bekommen.“ (aus einem Brief von Alexander Berkman und Emma Goldmann)




 Das „Anarchistische Schwarze Kreuz“ organisierte auch Selbstverteidigungseinheiten und war eine Zeitlang für die „Schwarze Armee“ der Machnowbewegung so etwas wie eine Stadtmiliz, kämpfte dort gleichzeitig gegen Kosaken und "Rote Armee", ohne Uniform zwar, aber in Overalls und Armbinden leicht erkennbar.



Nach der Niederschlagung in der Ukraine reaktivierte sich die Gruppe in Berlin neu, unterstützte die Gefangenen des bolschewistischen Regimes , aber auch die anarchistischen Gefangenen des italienischen Faschismus und anderswo...
In den 40er Jahren brach die Gruppe wegen fehlender Finanzen zusammen....



                                                                   "The Angry Brigade"

Albert Meltzer und Stuart Christie (siehe Video über die "Angry Brigade"), der zuvor wegen einem misslungenen Attentat auf Franco in spanischen Gefängnissen gesessen hatte, gründeten zu Beginn der 70erJahre die "Anarchist Black Cross" erneut - wobei sie vor allem die libertären Gefangenen des Franco-regimes unterstützten und versorgten.
Schnell breitete sich die Organisation über Europa und Nordamerika aus. Dort verschmolzen 1995 verschiedene SchwarzKreuz Gruppen zu einer Föderation.






Lorenzo Komboa Erwin, ehemaliger Black Panther, Vertreter der "Anarchist of Color", entwickelte während seiner Haftzeit die Ideen für das "Anarchist Black Cross Netzwerk" , das sich 2001 gründete. 

http://www.abcf.net/support-introduction/

"Die Absicht ist es, Gefangene bei ihrem Kampf aktiv zu unterstützen, ihre Menschenrechte zu wahren und ihnen gegen das System beiseite zu stehen. Die Abschaffung von Gefängnis und Staat ist das endgültige Ziel eines jeden Anarchisten...dabei müssen wir das Gefängnissystem angreifen und wir müssen dafür kämpfen, Kriegsgefangene zu befreien."




 Was einmal als russische Organisation begonnen hatte, hat inzwischen viele Gesichter über den ganzen Erdball verteilt. Hier eine Liste mit den aktuell tätigen "Anarchist Black Cross" Gruppen 

https://solidarity.international/index.php/abc-groups-around-the-world/


















Dienstag, 1. August 2017

Transformative Gerechtigkeit..!!?der entsprechende Werkzeugsatz hier:


....." Wie können scheinbar ‚gute Ideen‘, wie das Unterstützen von betroffenen Personen von Gewalt, so falsch laufen und rassistische Überwachung und Sicherheitsregime festigen?
 Dieses Toolkit stellt das Sicherheitsversprechen des Staates im Falle sexualisierter & Partner_innen Gewalt in Frage, weil Techniken wie Polizei, Gefängnis und Grenzen mehr Gewalt (re)produzieren anstatt sie zu beenden.
Das Toolkit thematisiert die Verquickungen staatlicher Gewalt und verschiedene Formen von zwischenmenschlicher Gewalt (vor allem sexualisierter Gewalt und Partner_innengewalt) in Deutschland, um zu zeigen, dass der Staat zwischenmenschliche Gewalt ermöglicht statt sie zu verhindern und daher keine Lösung für diese Gewalt sein kann.
Wenn uns Polizei und Grenzen keine Sicherheit geben können, welche Alternativen haben wir in unseren Zusammenhängen? Wie können wir uns selbst Sicherheit schaffen? Um Analysen und Antworten zu finden, wurde ein Toolkit für Aktivist_innen zusammengestellt, mit vielen tollen Beiträgen, hauptsächlich von Berliner Organisationen und einzelnen Aktivist_innen. Das Toolkit bietet Werkzeuge für Community-basierte & intersektionale Alternativen für Sicherheit, die nicht auf staatliche Gewalt zurückgreifen müssen und die Wurzeln von Gewalt tatsächlich angreifen. Mehr Information zu den Themen des Toolkits findest du in der Einleitung auf den nächsten Seiten.


https://www.transformativejustice.eu/wp-content/uploads/2017/07/toolkit-finished-1.pdf





.."In manchen Prozessen ist die gewaltausübende Person beteiligt, weil entweder die betroffene Person dies wünscht oder weil der Täter die Bereitschaft hierzu zeigt. Dieser Aspekt von Transformative Justice ist besonders kontrovers.

Für viele ist Rache die erste, intuitive Reaktion auf ein Gewalterlebnis, und oft fehlen die Möglichkeiten, gewaltaus- übende Personen erfolgreich zur Verantwortung zu ziehen
Von welcher Verantwortung sprechen wir also, und wie kann diese erfolgreich übernommen werden? 

Die Initiative Creative Interventions definiert dies so: Gewalt beenden; Gewalt und ihre Konsequenzen ohne Wenn und Aber anerkennen; Entschädigung für die betroffene Person; das Verändern von schädigenden Einstellungen und Verhaltensweisen, so dass Gewalt nicht wiederholt wird; und auch die Entwicklung der Community

 Während die Gefängnislogik ein paar »faule Äpfel« isoliert, erkennt der transformative Ansatz Gewalt als systematisches Problem an. Gewalt wird oft von Personen verübt, die selbst Isolation, Gewalt oder persönliche Brüche erlebt haben. (Dies bietet eine Erklärung, aber keine Entschuldigung für Gewalt.) Aber der Ausschluss eines Gewalttäters ändert nichts an den systemischen Wurzeln von Gewalt. Soziale Beziehungen sind ein Teil der Lösung: Beziehungen, die eine kritische Auseinandersetzung fordern und fördern..."

Sonntag, 2. Juli 2017

Protest und Drugs und RocknRoll ( Campen am/gegen den Knast)

Camps scheinen seit den Assambleas in Spanien und den Occupycamps in USA bzw. Istanbul ein beliebtes Protestmittel von (nicht nur) Teilen der linken Öffentlichkeit geworden zu sein.


Wir haben zum Begriff "Camp/Lager" ganz andere Begriffe, die eher negativ besetzt sind und bestenfalls ne billige Unterbringungsmöglichkeit im Urlaub sein können und uns fällt aktuell dazu nichts tiefschürfend Neues ein wie das was schon mal an anderer Stelle zu dieser Form gesagt wurde:

 Aufstehen nicht Hinsetzen 




aber wenn wir dem Text der Veranstalter*innen folgen, geht es wohl vor allem darum  "darüber nachdenken, wie wir uns besser vernetzen können, wie politische Strategien aussehen können, um der immer stärker werdenden Repression zu begegnen".

Dies findet dann wohl während der letzten Juliwoche (27.-30 Juli 2017) im Rahmen eines Sommercamps in der Nähe von Görlitz statt....

Alles weitere hier:




https://gegenknastundstrafe.blackblogs.org/