Montag, 7. August 2017

Politische versus anarchistische Gefangene ? Notwendigkeit oder wiederkehrende Inszenierung?

Regelmässig zum 18.Oktober findet der "Tag des politischen Gefangenen" statt(veranstaltet von der "Roten Hilfe" und anti-imperialistischen Gruppen).
Dem entgegen wird seit einigen Jahren die "Woche der anarchistischen Gefangenen" von so genannten ABC(Anarchist Black Cross ) Gruppen ausgerufen.




Was es in der Vergangenheit mit dieser Unterscheidung auf sich hat, versucht folgender Beitrag über die Geschichte des Anarchist Black Cross zu erklären... heute beziehen sich  viele ABCGruppen auf die Gefangenen aus dem  sogenannten "Insurrektionalismus", eine nihilistische Strömung eher der Autonomen, die sich selber als die "wahren Anarchisten" sehen....

http://radiochiflado.blogsport.de/2010/03/27/der-aufstaendische-anarchismus/







"Wir glauben, das Gefängnisse keine anderen Funktionen haben, als der Erhalt der herrschenden Klasse.Wir glauben auch, dass eine freie Gesellschaft alternative und effektive Wege finden kann, um mit "anti-sozialem Verhalten" umzugehen. 
Aber das kann nur geschehen durch eine drastische Veränderung der ökonomischen, sozialen und politischen Systeme.
Unser primäres Ziel ist es, diese fundamentalen Änderungen umzusetzen,, aber das bedarf nicht nur des Aufbaus sondern auch der Verteidigung.
Wir verteidigen all jene, die in diesem Kampf gefangengehalten und verfolgt werden " (Anarchist Black Cross Federation)



Die Gründung des „Anarchistischen Roten Kreuzes“ wird von Rudolf Rocker, dem „Schatzmeister“ des „ABC“ in London, zwischen 1900- 1905 angegeben. Genauer sind die Angaben von Harry Weinstein, einem der beiden Männer, die 1906 die Gruppe in Russland organisierten.

Andere sprechen von 1907. Zu diesem Jahr fanden zwei Konferenzen in London statt, an der 
Vera Figner sich mit Anarchist*innen traf, um die Notlage der Gefangenen in Russland zu besprechen.




Heute können wir wohl den Ursprung des „Anarchistischen Roten Kreuzes“ zwischen 1906 und 1907 in Russland sehen. Der Juni 1907 gilt für die Entwicklung der inter-nationalen Gruppen.

Der Grund bleibt unstrittig: Das „
Politische Rote Kreuz“ wurde in der Zarenzeit von Sozialdemokraten kontrolliert, die sich in der Regel weigerten, trotz fortlaufender Spenden, revolutionäre und anarchistische Gefangene zu versorgen.


Die Mitarbeiter*innen des „Anarchistischen Roten Kreuzes“ wurden vom zaristischen Regime verhaftet und gefoltert, einige auch ermordet. Die Organisation wurde verboten, eine reine Mitgliedschaft reichte, um in die Arbeitslager nach Sibirien zu kommen.
Nur wenige überlebten dort. Die, die entkamen, gründeten Gruppen in London, New York, Chicago und anderen Städten.

Zwischen 1918 – 1920 änderte die Organisation in der Ukraine ihren Namen in „Anarchistisches Schwarzes Kreuz“ um, um Verwechselungen mit dem „Internationalen Roten Kreuz“ zu vermeiden, geriet dann aber unter dem bolschewistischen Regime wieder in Not. Wieder Verbote, wieder Verhaftungen und Tod....

Bei ihnen.. Olga Taratuta.



Olga war eine der wenigen Frauen, die nicht aus adligen oder großbürgerlichen Häusern kamen und trotzdem studieren konnten. Ihr Vater hatte einen kleinen Verkaufsladen in dem ukrainischen Dorf, wo sie nach dem (kurzen) Studium als Lehrerin arbeitete. 

Sie hatte nur Unverständnis, manchmal etwas Spott für die Gebaren der anderen Studentinnen, die aus Aristokratenkreisen kamen, Dienstboten und Kinderfrauen gewohnt waren und deren vorrangiges Streben darin bestand, sich aus den vor allem sexuellen Konventionen ihrer Umgebung zu lösen und sich oft durch Scheinehen Pässe für Europa besorgen zu können zu können.

Olga erlebte die Missachtung dieser Frauen gegenüber den Arbeiterinnen, die Verelendung der Leibeignen auf den Gütern und – als Tochter jüdischer Eltern – die täglichen Pogrome vor allem auf den Dörfern hautnah mit.
 







Als Olga 1908 in Kiew mit einer kleinen Gruppe die Gefängnismauern in die Luft sprengen will,  um einige Anarchisten herauszuholen, wird auch sie verhaftet und zu 21 Jahren Kerkerhaft verurteilt.
Die Oktoberrevolution 1917 holt sie da erst einmal raus.

Olga nahm bald Kontakt zu der Machnow Bewegung auf, die ihr rd. 5 Millionen Rubel (aus Enteignungen und Diebstählen) gaben, um mit dem Geld in Charkiw (Ukraine) das "Anarchistische Schwarze Kreuz “ aufzubauen und den gefangenen Revolutionären möglichst viel Unterstützung geben zu können.


So unglaublich es auch klingen mag, und doch ist es Tatsache: Die Zuchthäuser und Gefängnisse Russlands sind heute dicht bevölkert von den besten revolutionären Elementen des Landes. Von Männern und Frauen, die Anhänger der höchsten sozialen Ideale und Ziele sind. Im ganzen weit ausgedehnten Gebiete Russlands, sowohl in Groß- Russland wie auch in Sibirien, sind die Gefängnisse des alten wie des neuen Regimes und die düsteren Verließe der Tscheka, in die keine Nachricht aus der Außenwelt dringt, überfüllt mit Revolutionären aller Parteirichtungen und Bewegungen. Da sind Maximalisten, Kommunisten, Anhänger der „Arbeiter- Opposition“, Anarchisten, Anarcho- Syndikalisten und Universalisten, Anhänger verschiedener Schulen sozialer Philosophie; aber alle sind sie wahre Revolutionäre, und die meisten waren begeisterte Teilnehmer der November- Revolution 1917.
Aus den Gefängnissen in Moskau, Petrograd, aus Orel und Wladimirk, aus den fernen Provinzen des Ostens und von Kameraden, die verbannt sind in den eisigen Norden, kommen entsetzliche Nachrichten. Der Hunger, der furchtbare Skorbut frisst an ihren Leibern. Ihre Hände und Füße schwellen an, ihre Gaumen werden lose und die Zähne fallen ihnen aus. Die Körper zerfallen lebendigen Leibes.


Kameraden! Eure Ohren müssen diesen Hilfeschrei hören! Die russischen Anarchist*innen (des Schwarzen Kreuzes) sind nicht mehr fähig, auch nur die allerelementarsten Bedürfnisse ihrer gefangenen Kameraden zu befriedigen; sie können ihr Hilfswerk nicht fortsetzen, ohne dass sie Hilfe von ihren Freunden aus anderen Ländern bekommen.“ (aus einem Brief von Alexander Berkman und Emma Goldmann)




 Das „Anarchistische Schwarze Kreuz“ organisierte auch Selbstverteidigungseinheiten und war eine Zeitlang für die „Schwarze Armee“ der Machnowbewegung so etwas wie eine Stadtmiliz, kämpfte dort gleichzeitig gegen Kosaken und "Rote Armee", ohne Uniform zwar, aber in Overalls und Armbinden leicht erkennbar.



Nach der Niederschlagung in der Ukraine reaktivierte sich die Gruppe in Berlin neu, unterstützte die Gefangenen des bolschewistischen Regimes , aber auch die anarchistischen Gefangenen des italienischen Faschismus und anderswo...
In den 40er Jahren brach die Gruppe wegen fehlender Finanzen zusammen....



                                                                   "The Angry Brigade"

Albert Meltzer und Stuart Christie (siehe Video über die "Angry Brigade"), der zuvor wegen einem misslungenen Attentat auf Franco in spanischen Gefängnissen gesessen hatte, gründeten zu Beginn der 70erJahre die "Anarchist Black Cross" erneut - wobei sie vor allem die libertären Gefangenen des Franco-regimes unterstützten und versorgten.
Schnell breitete sich die Organisation über Europa und Nordamerika aus. Dort verschmolzen 1995 verschiedene SchwarzKreuz Gruppen zu einer Föderation.






Lorenzo Komboa Erwin, ehemaliger Black Panther, Vertreter der "Anarchist of Color", entwickelte während seiner Haftzeit die Ideen für das "Anarchist Black Cross Netzwerk" , das sich 2001 gründete. 

http://www.abcf.net/support-introduction/

"Die Absicht ist es, Gefangene bei ihrem Kampf aktiv zu unterstützen, ihre Menschenrechte zu wahren und ihnen gegen das System beiseite zu stehen. Die Abschaffung von Gefängnis und Staat ist das endgültige Ziel eines jeden Anarchisten...dabei müssen wir das Gefängnissystem angreifen und wir müssen dafür kämpfen, Kriegsgefangene zu befreien."




 Was einmal als russische Organisation begonnen hatte, hat inzwischen viele Gesichter über den ganzen Erdball verteilt. Hier eine Liste mit den aktuell tätigen "Anarchist Black Cross" Gruppen 

https://solidarity.international/index.php/abc-groups-around-the-world/


















Dienstag, 1. August 2017

Transformative Gerechtigkeit..!!?der entsprechende Werkzeugsatz hier:


....." Wie können scheinbar ‚gute Ideen‘, wie das Unterstützen von betroffenen Personen von Gewalt, so falsch laufen und rassistische Überwachung und Sicherheitsregime festigen?
 Dieses Toolkit stellt das Sicherheitsversprechen des Staates im Falle sexualisierter & Partner_innen Gewalt in Frage, weil Techniken wie Polizei, Gefängnis und Grenzen mehr Gewalt (re)produzieren anstatt sie zu beenden.
Das Toolkit thematisiert die Verquickungen staatlicher Gewalt und verschiedene Formen von zwischenmenschlicher Gewalt (vor allem sexualisierter Gewalt und Partner_innengewalt) in Deutschland, um zu zeigen, dass der Staat zwischenmenschliche Gewalt ermöglicht statt sie zu verhindern und daher keine Lösung für diese Gewalt sein kann.
Wenn uns Polizei und Grenzen keine Sicherheit geben können, welche Alternativen haben wir in unseren Zusammenhängen? Wie können wir uns selbst Sicherheit schaffen? Um Analysen und Antworten zu finden, wurde ein Toolkit für Aktivist_innen zusammengestellt, mit vielen tollen Beiträgen, hauptsächlich von Berliner Organisationen und einzelnen Aktivist_innen. Das Toolkit bietet Werkzeuge für Community-basierte & intersektionale Alternativen für Sicherheit, die nicht auf staatliche Gewalt zurückgreifen müssen und die Wurzeln von Gewalt tatsächlich angreifen. Mehr Information zu den Themen des Toolkits findest du in der Einleitung auf den nächsten Seiten.


https://www.transformativejustice.eu/wp-content/uploads/2017/07/toolkit-finished-1.pdf





.."In manchen Prozessen ist die gewaltausübende Person beteiligt, weil entweder die betroffene Person dies wünscht oder weil der Täter die Bereitschaft hierzu zeigt. Dieser Aspekt von Transformative Justice ist besonders kontrovers.

Für viele ist Rache die erste, intuitive Reaktion auf ein Gewalterlebnis, und oft fehlen die Möglichkeiten, gewaltaus- übende Personen erfolgreich zur Verantwortung zu ziehen
Von welcher Verantwortung sprechen wir also, und wie kann diese erfolgreich übernommen werden? 

Die Initiative Creative Interventions definiert dies so: Gewalt beenden; Gewalt und ihre Konsequenzen ohne Wenn und Aber anerkennen; Entschädigung für die betroffene Person; das Verändern von schädigenden Einstellungen und Verhaltensweisen, so dass Gewalt nicht wiederholt wird; und auch die Entwicklung der Community

 Während die Gefängnislogik ein paar »faule Äpfel« isoliert, erkennt der transformative Ansatz Gewalt als systematisches Problem an. Gewalt wird oft von Personen verübt, die selbst Isolation, Gewalt oder persönliche Brüche erlebt haben. (Dies bietet eine Erklärung, aber keine Entschuldigung für Gewalt.) Aber der Ausschluss eines Gewalttäters ändert nichts an den systemischen Wurzeln von Gewalt. Soziale Beziehungen sind ein Teil der Lösung: Beziehungen, die eine kritische Auseinandersetzung fordern und fördern..."

Sonntag, 2. Juli 2017

Protest und Drugs und RocknRoll ( Campen am/gegen den Knast)

Camps scheinen seit den Assambleas in Spanien und den Occupycamps in USA bzw. Istanbul ein beliebtes Protestmittel von (nicht nur) Teilen der linken Öffentlichkeit geworden zu sein.


Wir haben zum Begriff "Camp/Lager" ganz andere Begriffe, die eher negativ besetzt sind und bestenfalls ne billige Unterbringungsmöglichkeit im Urlaub sein können und uns fällt aktuell dazu nichts tiefschürfend Neues ein wie das was schon mal an anderer Stelle zu dieser Form gesagt wurde:

 Aufstehen nicht Hinsetzen 




aber wenn wir dem Text der Veranstalter*innen folgen, geht es wohl vor allem darum  "darüber nachdenken, wie wir uns besser vernetzen können, wie politische Strategien aussehen können, um der immer stärker werdenden Repression zu begegnen".

Dies findet dann wohl während der letzten Juliwoche (27.-30 Juli 2017) im Rahmen eines Sommercamps in der Nähe von Görlitz statt....

Alles weitere hier:




https://gegenknastundstrafe.blackblogs.org/

Samstag, 17. Juni 2017

Mit dem Kopf durch die Wand

Aufruhr und Rabatz im Ebracher Jugendknast

AUFSTAND! – tönt es sogleich im bayrischen Medienrummel. Doch was war geschehen an besagtem 09. Mai?

Nachdem 15 Gefangene beschlossen die Nacht lieber gemeinsam im Gang des Traktes zu verbringen, als sich wieder in die Einzelzellen einschließen zu lassen, nutzten sie die soeben eroberte Freiheit auch sogleich um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen: Matratzen wurden angezündet, Kameras zerschlagen, Sicherheitstüren zerstört, die Gänge mit Wasser überschwemmt und Essen an die Wände geschmissen.

 So viel Gaudi und Aufmüpfigkeit hat Ebrach (2000 Kühe) seit dem Anti-Knast-Camp der Haschrebellen im Jahre 1969 nicht mehr gesehen.






Die Bullen, Wachteln und bayrischen Ochsen standen unter Schock, die Gefangenen hatten Spaß und bewiesen, dass es nie zu repressiv, zu spät oder zu bayrisch für einen Aufruhr ist.

Und wo sind die Linien eines Konfliktes, die Grenze zwischen Unterdrückten und Herrschenden klarer, als in einem Gefängnis? Und aus der Dynamik eines Aufruhrs, kann auch schnell ein waschechter Aufstand werden… Am besten wissen genau das dieselben Herrschenden, die sich nicht lumpen ließen blitzschnell ein kleines Aufstandsbekämpfungsszenario aufzufahren und mit 100 Bullen und bereitstehendem SEK, sprich bereit für Hinrichtungen, die ohnehin noch immer Eingeschlossenen einzukesseln.

 Kein Wunder, dass jene im Angesicht dieser Armee der Mut versagte und sie sich spät in der Nacht wieder in „ihre“ Zellen einsperren ließen – bzw. dazu gezwungen wurden.





Nun laufen Ermittlungen wegen „Gefangenenmeuterei“ und dergleichen – was nach Piratenromantik klingt, ist mal wieder der niederträchtige Versuch der Justiz zum Vergeltungsschlag auszuholen.

Wir wissen nichts über die näheren Hintergründe und eventuellen Auslöser der Revolte, doch das müssen wir auch nicht, um zu wissen, dass es in diesen Totenhäusern nichts zu erhalten, zu renovieren oder zu verhandeln gibt.

Den Aufrührern in Ebrach gilt unsere volle Solidarität. 


Während wir tagtäglich in unser Scheinfreiheit jenseits der Gefängnismauern etliche Möglichkeiten und Momente verstreichen lassen, alleine als auch mit anderen den Aufstand zu proben und diese Zuchthausgesellschaft mittels geballter Wut und ekstasischer Gaudi zu attackieren, haben die Aufrührer in Ebrach trotz Einsperrung und fehlender Anonymität, trotz drohender Strafen und existierender Isolation kollektiv an einem Strang gezogen und sich – mit dem Kopf durch die Wand – ihre Lebendigkeit zurück erobert.


Kosten wir unsere Möglichkeiten aus und schlagen Brücken indem wir unsere Verbundenheit in gemeinsamer Revolte erproben… denn Freiheit kann nur auf der Asche der Knäste erblühen.




(aus: Fernweh Nr. 26 )    https://fernweh.noblogs.org/texte/26-ausgabe/mit-dem-kopf-durch-die-wand/

Montag, 29. Mai 2017

(Gefängnisse abschaffen? Na und, ändert nichts) ....Antiknastkämpfe und transformative Gerechtigkeit


Die beiden Begriffe stehen erst mal als Verknüpfung nebeneinander.ob zwischen den beiden ein Zusammenhang besteht, soll im folgenden herausgearbeitet werden.


Erst mal zu den einzelnen Begriffen:


Der Kampf gegen den Knast im herkömmlichen Sinne wird ausserhalb der Knastmauern von Anti-knastgruppen bestimmt. Diese stellen einen horizontalen Kontakt zwischen sich und den Gefangenen her und verändern dadurch vor allem die soziale Funktion der Strafe und des Strafvollzuges, in dem sie die Trennung zwischen den "Kriminellen" und den "guten Gesetzestreuen" aufheben und einige darüber hinaus durch ihre grundlegende Knastkritik auch die Absicht der Verschleierung,der Ablenkung von den Handlungen und Taten der jeweils Herrschenden und ihrer Verwalter durchkreuzen.






aber :Antiknastkampf, der die Gefangenen und das Gefängnis ins Zentrum stellt, dreht sich um sich selbst und lässt die Gefangenen weiterhin in der Isolation in der Trennung...hier gilt es sich stattdessen auch an die zu wenden, die ausserhalb der Mauern sind und darauf hinzuweisen, dass heute durch die permanenten Strafverschärfungen und der Kriminalisierung schon der kleinsten Abweichung sie selbst wirklich nur eine Mauer vom Knast entfernt sind...indem wir uns einfach die Prinzipien ansehen, die das Gefängnis bedingen....die des Bestrafens...


diese Prinzipien bleiben , ob nun die knäste reformiert werden oder gar abgeschafft...

...denn unser ganzes Leben lang werden wir mit Gesetzen, Normen, Ünterdrückungsverhältnissen konfrontiert und gehindert...und um dies aufrecht zu erhalten dient die STRAFE als Klammer, als Stärkung in den jeweiligen Gemeinschaften, auch oft in Basisgruppen bis hinein in linke Kreisen und Kollektiven..Abweichungen und Verstösse gegen die jeweilige Ordnung müssen mindestens mit Ausgrenzung rechnen..also anderen überlassen mit den Betreffenden fertig zu werden







Zum Begriff: Transformative Gerechtigkeit....wir alle kennen die herkömmliche, vertikale Gerechtigkeit, die die auf Justiz und Strafe aufgebaut ist, Gerechtigkeit als Vergeltung...


hier interessiert aber die Horizontale, die durch die Interaktion hergestellt wird, durch den täglichen sozialen Austausch zwischen den Menschen...und unter " Transformation" kann "schrittweiser Übergangsprozess" verstanden werden...

Transformative Gerechtigkeit original "transformative justice" als Vision als Idee wurde von verschiedenden Gruppen aus sozialen Bewegungen in den USA entwickelt, die eine Sicherheit innerhalb ihrer Gemeinschaften jenseits von staatlichen Institutionen aufbauen wollten...sie arbeiteten dabei mit Antiknastgruppen und Organisationen der " people of color" zusammen und bewirkt in der Praxis, dass vor allem gewaltausübende Personen sowie deren Umfelder und Gemeinschaften lernen können/sollen, Verantwortung für die ausgeübten Handlungen zu übernehmen...abseits jeglicher Eingriffe staatlicher Gewalt....








sie befasst sich also nicht nur mit der eigentlichen Tat, sondern auch mit deren Ursachen und Zusammenhängen. Die jeweilige Person, die die Tat begangen hat, ist zwar verantwortlich dafür, aber eben nicht allein. Abseits von Strafe und Bestrafung gilt es für die entsprechende Gemeinschaft, Strukturen herauszuarbeiten, die diese Tat begünstigt oder gar legitimiert hat, um dadurch die Bedingungen zu verändern, die die Tat ermöglicht haben.


Hierzulande ist diese Praxis noch neu, in der hiesigen Alternative taucht eher der Begriff "restorative "also wiederherstellende Gerechtigkeit auf und in diesem Zusammenhang der "täter-opfer- ausgleich"...





http://radiochiflada.blogspot.de/2016/10/restorative-justice-gute-alternative.html


In beiden Konzepten RJ und TJ wird der Konflikt vom Staat weg den Tatbeteiligten zurückgegeben, aber bei der Restorativen wird bestenfalls versucht, wieder etwas gut zu machen, wieder etwas zurückzugeben, gemessen an dem Schaden der entstanden ist....
diese Methode versagt jedoch völlig bei Gewalttaten, z.b. bei sexualisierter gewalt...was soll da wiederhergestellt werden, die körperliche und seelische Unversehrheit?...

.
Die transformative Gerechtigkeit dagegen greift die gesamte Situation auf und arbeitet, bei gemeinsamen Willen, an einer Transformation der Beziehungen, setzt also durch die Tat soziale Prozesse in Gang, die sich idealerweise in einer Kombination aus individueller Verantwortung und gemeinsamen Widerstand gegen die unterdrückenden Strukturen und Gesellschaftsverhältnisse aller ergeben..






Im Laufe der Jahre haben verschiedene Gruppen durch auch eigene Erfahrungen in den Stadtteilen, Organisationen und Workshops hilfreiche Tipps im Umgang bzw. im Nutzen der "transformativen gerechtigkeit" öffentlich gemacht...einige davon gibt es inzwischen auch im deutschsprachigen Raum 

http://transformation.blogsport.de/images/TransformativeHilfe.pdf

http://radiochiflada.blogspot.de/2017/05/weder-staat-noch-justiz-broschure.html



 ...Transformative Gerechtigkeit erscheint mir momentan nur praktisch umsetzbar im lokalen Rahmen...da dies aber deshalb nur in der jeweiligen Gemeinschaft Sinn macht, kann es auch nicht übertragen werden, aber für die jeweilige Gemeinschaft insofern förderlich,kann und muss diese doch ihre eigenen Prozesse in Gang setzen, Handlungsfaehigkeit und Selbstbestimmung vor allem fuer die jeweils Betroffene zurueckgewinnen ..

....und dies in moeglichst allen alltaeglichen Kaempfen in den Nachbarschaften, den Schulen Arbeitsplaetzen...durch Ablehnung strafender Reaktionen..so verliert nicht nur das Justizsystem mehr und mehr an Bedeutung....






auch wenn es oft als nicht umsetzbar erscheint, wenn heute noch selbst in linksradikalen autonomen Gemeinschaften mit Ausschluss bis hin zu Appellen an die herrschende Justiz operiert wird...aber entkommen koennen wir diesen letztendlich Herrschafts ( und damit Knast) stabilisierenden Verhalten und Verhaeltnissen nur, indem wir die Justiz, die Richter*innen als Institution und in unseren Koepfen attackieren...in allen moeglichen Dingen und Orten...


dieses Moeglichkeiten durch die Transformative Gerechtigkeit scheinen mir die einzig nachhaltige Loesung fuer eine Herrschafts weil straffreie Gesellschaft zu sein...





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(Niederschrift eines Vortrags bei den "Libertären Tagen 2017" in Köln)


Mittwoch, 17. Mai 2017

"Eh, du bist ja behindert" - Aber nur gegen Quittung !







In dem Pressetext zum „Madpride 2017“ in Köln tauchen völlig selbstverständlich Begriffe wie behindert und asozial auf http://madpride-koeln.de/pdf/madpride2017_pressetext.pdf

--- während das Stigma „asozial“ angeblich einen völkisch-rassischen Hintergrund hat (in Wahrheit aber von Sozialdemokraten und Kommunisten bis in 30erJahre benutzt wurde) ist der Begriff „behindert“ einzig und allein eine medizinische Definition, die eigentlich dem Sinn des "Madpridegedankens" zuwiderläuft... indem sie der sozialen und gesellschaftlichen Bedeutung des „Gehindertseins“ negiert und mit Floskeln wie „alle Menschen zusammen gegen Diskriminierung und Ausgrenzung“ eben dies zudeckt …

 auch Sprache diskrimiert und grenzt aus, eine Sprache die von denen benutzt wird, die die tägliche Unterdrückung und Beherrschung verdecken wollen, die bestimmen, welche „Bildungsmassnahmen“ für „Behinderte“ investiert werden sollen, die immer noch Heime und Ausbeutungsbetriebe in Werkstätten für Integration halten, sie im Rahmen der Toleranz in einen kapitalistischen Konkurrenzkampf um die Verwertung unserer Körper mit „nichtbehinderten“ hineinlächeln, und doch die Herrschaft in der Gesellschaft, in den Institutionen mit modernen Mitteln weiter aufrechterhalten 


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und die von Einrichtungen wie „Aktion Mensch“ die zu dieser Demo mit aufgerufen hat, jeder Nichtbehinderten die Möglichkeit bietet, per Quittung sich die (Mit)menschlichkeit quittieren zu lassen, eine Mitmenschlichkeit, die sich oft in die Suche nach neuen (bezahlten) Aufgaben begibt, indem sie( vielleicht auch sich selbst) aber den „Behinderten“ vorgaukeln, sie hätten eigentlich zwar Probleme, aber ansonsten wären sie Menschen wie alle anderen auch …

 aber ihnen die Möglichkeit, das praktische Wissen, dass sich die „Gehinderten“ durch ihre täglichen Erfahrungen gemacht haben, durch das Zertifikat der „Experten*innen“ und dem Ausweis der“ fachlichen „Institutionen“ verhindert … die Aussage: „ Es ist die Gesellschaft die uns behindert,  zu behinderten macht“ hat immer noch ihre Gültigkeit... heute eben mit Luftschlangen und Konfetti


  • gegen die Vermarktung unserer Körper
  • gegen die Beherrschung unserer Sinne 
  • für Selbstorganisation auf allen Ebenen

W. (für: Abolisha)

Montag, 1. Mai 2017

Weder Staat noch Justiz --- Broschüre: Weitere Strategien für selbstorganisierte und kollektive Verantwortungsübernahme

Auf diesem Blog hatten wir schon verschiedene Texte zur "Transformativen Gerechtigkeit (Transformative Justice) und "Gemeinschaftsverantwortung(community accountabilty) ... nun ist vor wenigen Tagen der nachfolgende Text erschienen, den wir selbstverständlich und mit tiefer Solidarität hier weiterverbreiten wollen..... 








Liebe Leute, ihr haltet unsere erste Übersetzung in den Händen. Nach mühevollem Puzzlen von Wörtern und Diskutieren von Bedeutungen, freuen wir uns, endlich den roten Stift beiseite gelegt zu haben und nun stattdessen zu kopieren, zu falten und zu verteilen. Fast alles Material mit dem wir in den letzten Jahren gearbeitet haben ist auf Englisch, weshalb uns schnell klar wurde, dass es deutschsprachige Texte und Übersetzungen braucht, um die notwendigen Auseinandersetzungen zu Community Accountability auch im deutschsprachigen Kontext weiter zu bringen. Für unsere erste Übersetzung haben wir aus mehreren Gründen einen Text von der Gruppe CARA (Communities Against Rape & Abuse) aus Seattle, USA, ausgewählt, der 2006 in dem Buch The Color of Violence – the Incite! Anthology und 2008 in dem Onlinezine „The Revolution Starts at Home“ erschien. Der Text ist eine gute Einführung in das Thema und einer der ersten umfassenden Texte zur Community Accountability Arbeit. Im Text werden zum einen 10 Prinzipien als ein theoretischer Rahmen angeboten, zum Anderen gibt er durch drei Szenarien (Erfahrungsberichte) Einblicke in den Versuch einer Umsetzung. Dabei liegt der Fokus auf Communities of Color und die Verschränkung von strukturellen Machtverhältnissen, zwischenmenschlicher Gewalt und sexualisierter Gewalt. Wir denken, dass dieser Text zeigt, wie eine betroffenen-orientierte Arbeit der Community im Falle von Gewalt aussehen könnte, und auch, welche Herausforderungen es bei einer Verantwortungsübernahme von 2 Menschen, die Gewalt ausgeübt haben, zu bewältigen gilt. 


https://www.transformativejustice.eu/wp-content/uploads/2017/04/Das-Risiko-wagen.pdf


Entstehungsgeschichte von Transformative Justice und Community Accountability

 Innerhalb der sozialen Bewegungen der USA haben verschiedene Social Justice-Aktivist_innen die Vision einer Auseinandersetzung mit Gewalt entwickelt, die Sicherheit für marginalisierte Communities jenseits von staatlichen Institutionen (wie Polizei, Gefängnisse, psychiatrischen Institutionen, Kinder- und Jugendhilfe, Migrationsregime) aufbauen wollten.

 Diese Auseinandersetzungen wurden vor allem von cis-Frauen und trans*-Menschen of Color entwickelt und getragen. Von ihnen wurden die Zusammenhänge zwischen staatlicher Gewalt und zwischenmenschlicher Gewalt aufgezeigt. Sie machten auch deutlich, dass es für sie keine Unterstützung, sondern weitere Gewalt mit sich bringt, sich an staatliche Institutionen zu wenden.

Die entwickelten Konzepte sind in enger Verbundenheit mit dem Widerstand gegen den industriellen Gefängnis-Komplex und einer starken Kritik am weißen Mainstream-Feminismus & institutiona-lisierter Anti-Gewalt Arbeit entwickelt worden. Denn diese Art von Arbeit produziert rassistische Kompliz_innenschaft und fördert rassistische Fahndungsraster sowie die Kriminalisierung und übermäßig hohe Inhaftierung von Schwarzen Menschen und People of Color, deren eigene Betroffenheit von sexualisierter Gewalt zu oft unsichtbar bleibt. Auf der Basis dieser Kritik wurden vielfältige Theorien und Praktiken erarbeitet, die sich unter den Überbegriffen Transformative Justice und Community Accountability wiederfinden und die mittlerweile auch in Europa und Australien ausprobiert werden.

 Basis dieser Begriffe ist ein selbstorganisierter, community-basierter und nicht staatlich strukturierter Prozess zur Unterstützung von gewaltbetroffenen Personen und zur Prävention zukünftiger Gewalt. Es geht darum, dass gewaltausübende Personen sowie deren Umfelder und Communities lernen sollen, Verantwortung für die ausgeübte Gewalt zu übernehmen. Definitionsmacht und Community Accountability




 In vielen linkspolitisch-autonomen deutschsprachigen Zusammenhängen wird das Konzept der Definitionsmacht bei sexualisierter Gewalt verwendet, das in den 90er Jahren von feministischen FrauenLesben entwickelt wurde. Dieses Konzept wurde als eine Intervention in bestimmte Kontexte benutzt, die primär hetero und cis-männlich dominiert waren. Dabei ging es vor allem darum, die Unterstützung und Selbstbestimmung von und Parteilichkeit mit Betroffenen möglich zu machen und zu stärken. So wurde das individuelle Erleben von Gewalt und die Macht, das Erlebte auch als Gewalt zu benennen, als Ausgangspunkt gesetzt. Diese Herangehensweise finden wir weiterhin elementar. Der Fokus des Konzeptes der Definitionsmacht beschränkt sich jedoch auf Geschlechterverhältnisse und basiert auf einem weißen deutschen, heteronormativen/geschlechterbinären Blick auf das Thema.

Eine Auseinandersetzung mit (sexualisierter) Gewalt braucht aber unbedingt die Thematisierung von weiteren Machtverhältnissen. Wenn z.B. Rassismus und weiße Normen außen vor gelassen werden, scheitern Prozesse an vielen Punkten. Es geht uns hier darum, die bisher angewandten Praxen und Vorstellungen kritisch zu betrachten, weiter zu denken und zu verbinden. Darüber hinaus stellt für uns Community Accountability weiterführende Fragen: Wen schützt staatliche Gewalt und wem schadet sie? Wer hat Zugang zu welchen Räumen und Ressourcen, z.B. auch zu Diskursen um Definitionsmacht? Welche Gewalterfahrungen werden als solche wahrgenommen und warum, und welche nicht?




https://www.transformativejustice.eu/wp-content/uploads/2017/04/Das-Risiko-wagen.pdf