Dienstag, 6. März 2018

"Es erscheint nur unmöglich, bis es fertig ist."--- was machen Abolitionist*innen?



Abolitionismus war schon immer ein mutiges Projekt.




Ob als Antwort auf das Privateigentum und die Sklaverei des 19. Jahrhunderts oder auf Gefängnisse im letzten halben Jahrhundert haben diese Bewegungen nicht nur konservative Kritiker, sondern Liberale, Progressive und sogar einige Radikale verunsichert. Die hartnäckige Unmittelbarkeit der Forderung stört diejenigen, die auf die Lösung hartnäckiger sozialer Probleme im Rahmen der bestehenden Ordnung hoffen. Für sie ist Abschaffung unpraktisch utopisch und daher nicht pragmatisch.

Kritiker*innen verwerfen die Abschaffung von Gefängnissen oft ohne ein klares Verständnis dessen, was es überhaupt ist. Einige von ihnen beschreiben das Ziel der Abschaffung von Gefängnissen als eine fieberhafte Forderung, alle Gefängnisse heute zu zerstören. Aber diese Behauptung zeigt wenig Wissen über die langwährende Geschichte z.b. der Abschaffung der Sklaverei oder der Todesstrafe
Für uns, Menschen mit jahrzehntelangen Erfahrungen in der Antiknastbewegung ist Abschaffung der Gefängnisse sowohl ein Leitstern als auch eine praktische Notwendigkeit.

Von zentraler Bedeutung für die Abschaffung der Sklaverei waren die vielen Kämpfe für nicht reformistische Reformen - jene Maßnahmen, die die Macht eines repressiven Systems verringern und gleichzeitig die Unfähigkeit des Systems, die von ihm verursachten Krisen zu lösen, beleuchten.
Dies ist der Ausgangspunkt der Abschaffung, die eine radikale Kritik an Gefängnissen und anderen Formen der Staatsgewalt verbindet mit einer umfassenden transformativen Vision.









Diese Strategien und Taktiken harmonieren, inspirieren und sind inspiriert von vielen anderen linken Traditionen. So wie im Kampf zur Abschaffung der Todesstrafe.“Gefängnisse und die furchtbaren Bedingungen..beides gehört zusammen“. Es geht „um Bestrafung, Lagerhaltung und Kontrolle.Dies untergräbt systematisch genau die Werte und Dinge, die wir brauchen, um gesund zu sein“( Rose Braz, neben Angela Davis Mitbegründerin von „Critical Resistance")




Abolitionist*innen haben daran gearbeitet, die Einzelhaft und die Todesstrafe zu beenden, den Bau neuer Gefängnisse zu stoppen,die Menschen aus dem Gefängnis zu befreien, der Ausweitung und Verschärfung der Strafe durch Gesetze und Überwachung entgegenzutreten, und alternative Formen der Konfliktlösung zu entwickeln, die sich nicht auf das Strafverfahren stützen.

Abolitionist*innen weigern sich, das Paradigma zu befolgen, in dem "Gefängnisse [als] gemeinsame Lösungen für soziale Probleme dienen".

Das oft benutzte Argument, eine breite Öffentlichkeit sei dafür nicht zu gewinnen, missversteht oder will nicht verstehen, wie sich soziale Veränderungen in der Geschichte entwickelt haben. Der Kampf der Frauen um Gleichheit im Jahre 1912, die Kämpfe der IWW in den 20erJahren, die Bürgerrechtsbewegungen in den 50er Jahren... die Geschichte liefert sicher noch weitere Fälle, wo Nelson Mandelas Satz, dass „es nur unmöglich erscheint, bis es fertig ist“ zutrifft.

Ja, eher wächst, nun auch hier im deutschsprachigen Raum, die Aussicht auf ein grösseres Bewusstsein für wenn nicht Abschaffung so doch wachsende Kritik am System Gefängnis, auch wenn dies in einer von den Herrschenden gesteuerten Öffentlichkeit mit der immer aufs Neue hergestellten Inszenierungen von Krisen entgegengearbeitet wird.

Seit Jahrzehnten entwickelt sich in den USA eine immer grösser werdende Verbundenheit im Kampf gegen den Industriekomplex des Gefängnisses… Im Jahre 2000 trafen sich Tausende bei einem Treffen von Incite!, die die rassistische und geschlechtsspezifische Gewalt zum Thema machten..mit dem Erfolg, dass sich bei einem Sozialforum 2010 in Detroit Aktivist*innen in täglichen Zusammenkünften mit dem Thema Strafe beschäftigten, über „Knastjustiz“ diskutierten. In einer verabschiedeten Erklärung sprachen sie davon, die „Vision der Gerechtigkeit und Solidarität gegenüber den Gefangenen“ zu leben und den Widerstand gegen „Gefangenschaft, Kontrolle und alle Formen politischer Repression“ aufzunehmen. Der Gefängnisindustriekomplex gehört abgeschafft.

Dies war auch ein zentrales Thema der Occupy Bewegung, ist es bei „Black Lives Matter“ und anderen populären Aufständen der letzten Jahre in den USA.
Abolitionist*innen waren massgeblich bei den Kampagen für die Freilassung von Marissa Alexander, Chelsea Manning, Bresha Meadows beteiligt. Diese Kampagnen, augenscheinlich für die Freilassung einzelner Gefangenen, wurde gleichzeitig genutzt, um eine öffentliche Aufklärung über staatliche Gewalt und ihrer Verbindung zu patriarchalischer Gewalt durchzuführen.



Aber auch tägliche Fragen des Überlebens stehen im Fokus der Diskussionen.

Welche Bedingungen finden die Menschen vor, die aus den Gefängnissen entlassen worden?
Die Bezeichnung „Wiedereintritt in die Gesellschaft“ oder „Re-sozialisierung“ sind Begriffe, die zu Recht in der Antiknastbewegung auf Unverständnis stossen… sind doch viele von ihnen schon vor ihrer Inhaftierung von der Gesellschaft ausgegrenzt worden. Das verstärkt den Wunsch, den Willen, die Gesellschaft zu verändern, die Lebensbedingungen der Menschen, bevor sie überhaupt
von dem gegenwärtigen System kriminalisiert wurden. Dies ist allerdings ohne eine radikale, von mir aus revolutionäre Umgestaltung nicht möglich… Ideen ja teilweise schon Bewegungen, wie die der „Transformative Justice“, die sich aus den o.a. Gruppen entwickelt haben und hier im deutschsprachigen Raum -immerhin- von einigen Anarchist*innen aufgenommen werden, sind Schritte, die dies bewerkstelligen könnten..

Es gibt weiterhin viele Fragen, die wir uns stellen müssen, Fragen innerhalb unserer Zusammenkünfte, Diskussionen und Handlungen, Fragen und Antworten auf die aktuell stattfindenen Strafverschärfungen und vor allem auf die vorhandenen und wachsenden Barrieren, die sich einem grundlegenden Wandel entgegenstellen werden, aber der Bedarf für eine weitreichende Debatte über das Straf und Knastsystem wird eher dadurch notwendiger denn je, aber es muss eine Debatte sein, die sich mit dem beschäftigt, was vor Ort mit den Menschen und ihrer Organisierung erreicht werden kann und nicht mit dem, was an Aufklebern an Laternenmästen oder in bestimmten sozialen Medien existiert.

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W. (für Abolisha)



Nach einem Text von Berger/Kaba/Stein .... "What Abolitionst do" ...


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