Montag, 25. Januar 2016

"Die Entstehung der Knäste ist 100 Prozent weiblich." Wenn sie wütend wird, liegt sie in Ketten.



Im folgenden Text geht es um die Entstehung der ersten Knäste, nämlich der Frauenknäste. Innerhalb einer Knastanalyse, die sich oft in irgendeiner Hinsicht auf Michel Foucault (und sein Buch 'Überwachen und Strafen') stützt, wird meist der Fakt übergangen, dass die Disziplinierung durch Knast historisch durch die Unterdrückung der Frau entstand und daher eng mit dieser verbunden ist. Der Beginn einer Idee von Disziplinierungen und vom exemplarischen Bestrafen einiger, um das Gehorsam der anderen zu erzwingen, wurde lange vor den ersten Männerknästen an Frauen erprobt. Diesem Teil der Knastgeschichte wird selten Beachtung geschenkt und Knast entsteht so scheinbar erst dann, wenn Männerknäste in der Geschichte auftauchen. Folgender Text eröffnet einen anderen Blick auf die Thematik.

(Vorwort und alles andere aus der Zeitschrift: ramasuri (=Durcheinander)







Die Gründung der ersten  Haftanstalt für Frauen fand im siebzehnten Jahrhundert in Spanien statt, mit der so genannten Anstalt „Die Frauengaleere“. Paradoxerweise entsprang diese geniale Idee niemand geringerem als dem verkümmerten Kopf einer Frau: dem der heiligen Mutter Magdalena de San Jerónimo.

Diese Anstalten  waren zunächst für  Prostituierte, bettelnde Frauen und Dienstangestellte
die ihre Arbeit nicht nachkamen, gedacht. Schon damals suchte die Mutter Magdalena diese Bestrafung in den Vorwurf umzukehren, die Frauen würden in die Galeere kommen, um Vergütungen zu erhalten. Das oberste Prinzip schien es zu sein, sich gegen Frauen
zu richten, die arm waren, von der Religion abgewandt, also 'sündig' oder die nicht ohne Widerstand die obligatorische Unterwerfung unter die aristokratischen Dienstherren akzeptierten. Aus diesem Grund und da die Ordensschwester sehr klar hatte, wie die öffentlichen Haftanstalten sein sollten, erschien im Jahr 1608 eine Verordnung zur Festlegung der Bedingungen unter denen die Insassinnen leben sollten:
Zunächst wird ein Haus benötigt, welches sich in einer sehr förderlichen Gegend befindet, nicht sehr einsam und auch nicht weit weg von den Menschen, auf Grund der großen Unannehmlichkeiten die daraus erwachsen könnten. Dieses Haus sollte sicher und fest verschlossen sein, so dass es keine Fenster oder verglasten Balkone im ganzen Haus gäbe, weder sollte es von einem anderen Haus einsehbar sein."





In dem Gebäude, treu der diktierten Normen der Ordensschwester, gab es einen Schlafsaal, ein Arbeitszimmer, eine Speisekammer, ein Geheimgefängnis, wo die 'unverbesserlichen Rebellinnen' bestraft wurden, eine Kapelle, einen Brunnen und ein Becken zum Waschen.
An diesen Orten sollte es außerdem Ketten, Knebel, Handschellen, Fußfesseln, etc. geben. Der edlen Ordensschwester nach sollten diese Instrumente nur dazu dienen, die Insassinnen zu erschrecken, damit sie beim bloßen Anblick dieser Geräte ihre frevelnde Art überwinden und ganz die Vorschriften erfüllen würden.

Wie zu erwarten, unterlag die Verwaltung des Ortes der Leitung eines Mannes (des
Anstaltsleiters). Seine Ehefrau wurde die Rektorin. die die Schließerinnen und Lehrerinnen zu beauftragen hatte, die Vorschriften zu erfüllen und mit den entsprechenden Repressalien gegen die Rebellinnen vorzugehen. Als dieses Folterzentrum in Betrieb genommen wurde, veröffentlichte das örtliche Gerichtswesen ein Schreiben mit mehr oder weniger folgendem Inhalt:

Auf dass keine Frau es wagen wird zu faulenzen, untätig oder ohne Ehemann zu sein. Denn diejenige, die es wagen wird, wird in die Galeere gesteckt und bestraft wie sie es verdient.
Um als abschreckendes Beispiel bestraft zu werden, damit die anderen Frauen sehen können, wie es ihnen ergehen wird und sich somit einen Ehemann suchen, dem sie dienen können. Es wird beschlossen, dass jedes ortsfremde Mädchen, welches diesen Ort betritt, direkt in die Galeere geschickt wird, um sich dort der Frau des Anstaltsleiters vorzustellen und sie zu fragen, wie sie ein Haus zum Dienen finden kann und ohne eine Registrierung soll sie drei Tage Strafe in der Galeere absitzen auf Grund ihrer Liderlichkeit.“

Hier wird deutlich, dass die verfolgten, eingesperrten und getöteten Frauen wie so oft im Laufe der Geschichte, die emanzipierten waren, die, die ihr Dasein ohne Ehemann mit ihrem Leben bezahlten mussten.
Wenn die Frauen diese Orte betraten, mussten sie sich komplett ausziehen und sie wurden gezwungen Uniformen zu tragen. Außerdem wurden sie rasiert. All dies mit dem Ziel der Homogenisierung und um jeden Überrest von selbst gewählter Identität zu vernichten. Sie durften keinen Kontakt zur Außenwelt haben und sollten diszipliniert werden. In diesem letzten Punkt ging die Ordensschwester kategorisch vor:

„Der Anstaltsleiter schrieb, dass die anderen amtstragenden Personen die Regierung der Galeere seien und sich mit der Disziplinierung dieser Frauen beschäftigen. Um in der Lage zu sein, mit ihnen umzugehen gibt es folgende Anweisungen: wenn sie fluchen oder etwas beteuern (weil sie als nicht-Christen keine Wahrheit sagen können), tut ihnen einen Knebel in den Mund. Wenn eine wütend wird, legt sie in Ketten. Wenn sie gehen möchte, legt sie in Fußfesseln und steckt sie in ein Loch und so wird sie sich beruhigen. Man muss sie vor den anderen disziplinieren. Exemplarisch bestrafen und so den anderen Angst machen. Außerdem so hart bestrafen, dass sie Angst haben, diese Strafe wieder erleiden zu müssen. Die Unruhestifterinnen sollten außerdem nachts angebunden werden oder am Pranger schlafen…damit sie nicht auf Ideen der Flucht kommen oder auf Ideen wie sie die Offiziellen schlagen könnten oder sich (gegenseitig) die Haare raufen und etwas anstellen.“

Wörter, durch die wir die echte Frauenfeindlichkeit und Böswilligkeit in die die Christlichkeit gehüllt ist, verstehen. Außerdem waren die Insassinnen verpflichtet Zwangsarbeit zu leisten, da die Knäste Betriebe waren und sind und dies den Knast finanzierte und so zur Erhaltung eben dieses Ortes beitrug, welcher sie gefangen hielt.








Die Ordensschwester sprach ebenfalls von der Rückfälligkeit in die Sünde und wie die Frauen bestraft werden sollten, die ein zweites oder drittes Mal in ihre Hände fielen:
Wenn eine der Frauen die Galeere auf Weisung des Gerichts verlässt, wird geäußert, dass sie darauf aufmerksam gemacht wird, dass sie darauf achtet, nicht noch einmal in die selbe Galeere zu kommen, denn wenn dies der Fall sein sollte, wird sich ihre Strafe verdoppeln und sie soll gebrandmarkt werden auf der rechten Seite ihres Rücken mit den Waffen der Stadt oder dem Dorf, in dem die Galeere steht. Damit sie so bekannt sei und klar wird, wenn sie ein zweites Mal in dieselbe Stadt kommt. Und wenn eine so schäbig sein sollte, ein drittes Mal aufzutauchen, soll die Strafe verdreifacht werden, mit der Warnung, dass sie, wenn sie so unverbesserlich ist, ein viertes Mal aufzutauchen, an der Tür derselben Galeere gehängt werden wird."

Die Ordensschwester hatte hohe Ziele, so wollte sie das Nichtstun verbannen, den schlechten Beispielen ein Ende setzen, autoritätsgläubige Dienerinnen erziehen, die Delinquenz beseitigen und ein abschreckendes Beispiel für die übrigen Frauen schaffen.




All diese servilen Zwecke vervollständigen und dienen absolut der Macht. Das ist nicht verwunderlich, wenn wir die historische Unterdrückung in Betracht ziehen, die das Christentum als Handlanger für die Mächtigen erschaffen hat.

Im selben Jahr, in dem der erste Frauenknast eröffnet wurde, erreichte die Mutter Magdalena mit ihrer charakteristischen Güte später in einem Gespräch mit Felipe III die sofortige Errichtung zwei neuer Frauenknäste in Madrid und Valladolid. An diese schlossen sich kurze Zeit später noch weitere in Granada, Zaragoza, Salamanca, Valencia und allen anderen wichtigen Städten [in Spanien] an. Natürlich summierten sich mit der Zeit und der wachsenden Zahl dieser Zentren auch Gefangene mit anderen Verbrechen wie Mord, schweren Ausschreitungen und Diebstahl. Wie z.B. im Fall von Maria Ortiz, die 17 Wohnungseinbrüche in Madrid beging, und die der König zu lebenslanger Haft verurteilte. 

An diesen Orten existierten auch Restriktionen, die die Unterwerfung der Frau aus einer intellektuellen Perspektive erlaubten, womit ein anderer wichtiger Punkt in der
patriarchalen Konstitution der Frau einherging. So wurden Frauen dazu angehalten, Angst vor Gott zu haben und die Arbeit zu lieben. Dennoch trafen sich die Insassinnen verbotener Weise um über Politik, gemachte Erfahrungen oder eigene Geschäfte zu sprechen und sie klärten sich gegenseitig auf.

Trotz all der erlebten Folter in diesen Häusern, kehrten die meisten der Frauen, die von dort entlassen wurden, zurück in ihr altes Leben. Sie ließen sich weder durch die Justiz noch durch das Christenrum einschüchtern. Einige emigrierten in Städte, in denen es diese Anstalten noch nicht gab, und andere machten weiter, illegal und klandestin, ihre Leben lebend,  rebellisch und ohne Ehemann









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