Montag, 9. Oktober 2017

(Transformative Gerechtigkeit)...Gerechtigkeit? welche Gerechtigkeit? --- Vortrag bei den "Anti-Knasttagen" Oktober 2017 in Berlin

Zuerst etwas zu mir: Als „Ex-Gefangener" und Überlebender habe ich lange Zeit in verschiedenen Antiknastgruppen mitgearbeitet, zuletzt im Autonomen Knastprojekt Köln. Eine der zentralen Aufgaben und Handlungen war es u.a. Alternativen zum vorherrschenden Knast-und Strafsystem zu diskutieren und weiterzugeben.... Das Konzept "Transformative Gerechtigkeit" bietet die Möglichkeit, dies in einen grösseren Rahmen zu stellen….





Gerechtigkeit: Gerechtigkeit bedeutet vieles, für mich heisst das so was wie fair zu sein und gleichgestellt... in der momentanen Gesellschaftsordnung, in der wir uns mehr oder weniger bewegen, ist die „gerechte, verdiente Strafe" das Credo, die vertikale Gerechtigkeit, die auf Justiz und Strafe aufgebaut ist, und sich durch das Straf-und Gewaltmonopol des Staates legitimiert...es gibt nicht wenig Leute, die darin historisch einen Fortschritt sehen (Stichwort: der Mensch ist des Menschen Wolf)





Staatliche Institutionen sind daher die einzigen denen es die Gesellschaft erlaubt unmittelbaren Zwang gegen andere anzuwenden, die Legitimität des Staates als Ordnung aufrecht erhält und sie als alternativlos darstellt; und so begreifen die staatlichen Organe alle Taten gegen sich und nehmen dadurch dem jeweils Betroffenen den Konflikt weg... das gegenwärtige Strafsystem übernimmt die Kontrolle und belässt die eigentlich Betroffenen in eine machtlose Opferrolle.. ohne direkten Einfluss auf das Geschehen




Die transformative oder umgestaltende Gerechtigkeit bringt die ursprünglichen Konfliktparteien dagegen wieder in den Mittelpunkt des Geschehens, weg vom Staat wird die Tat also nicht über das jeweilige Strafgesetz definiert, sondern als Konflikt persönlicher und sozialer Beziehungen.. und gibt den so genannten Opfern so was wie die Würde durch Selbstbestimmung zurück, eine Selbstbestimmung, die so eine wirkliche und nachhaltig Verarbeitung des Geschehens möglich macht, unterstützt werden sie dabei durch eine Gemeinschaft ,nämlich derjenigen, wo der Konflikt entstanden ist...















Wir sind alle Produkte einer unterdrückenden Gesellschaft, leben in komplexen wechselseitigen Beziehungen von Unterdrückern und Unterdrückten (Stichwort: Intersektionalität).... denn unser ganzes Leben lang werden wir mit Gesetzen, Normen, Unterdrückungsverhältnissen konfrontiert, gehindert und übernehmen sie, üben in gewissen Zusammenhängen selbst diese Unterdrückung aus...und um dies aufrecht zu erhalten dient die Strafe als Klammer, als Stärkung in den jeweiligen auch oft Basisgruppen bis hinein in linke Kreise und Kollektive... Abweichungen und Verstösse gegen die jeweilige Ordnung müssen mindestens mit Ausgrenzung rechnen ... Gewalt existiert so auf vielfältige Weise: körperliche, psychische, verbale und sexualisierte Gewalt, Diskriminierug, Abwertung, Anfeindungen aufgrund von Herkunft, Alter usw. durch Einzelpersonen wie auch auf struktureller Ebene...

Bei der umgestaltenden Gerechtigkeit dagegen geht es nicht um eine neue Unterdrückung, sondern um die Möglichkeit, das jede/r und alles sich ändern kann, ob in den Beziehungen und/oder den jeweiligen Strukturen... d.h die transformative Gerechtigkeit unterstützt die Betroffenen durch die jeweilige Gemeinschaft durch entsprechende Sicherheit , aber appelliert auch an die Verantwortung und Verhaltensänderung bei den „Tätern" und „Täterinnen" als Mitbetroffene, soweit sie dazu bereit ..er oder sie als Mitdenkende, Mitentscheidene einbezogen werden...ohne strafende Reaktionen..






Beispiel: eine Gewalttat. Keiner nützt es nachhaltig, die gewaltausübende Person der Justiz und dem Gefängnis auszuliefern, eine Person, die Gewalt als sozial erlernte erfolgreiche Verhaltensweise durch entsprechende Umgebungen usw. eingesetzt hat und die dann in einen weiteren Strudel der Gewalt gerät....dessen Auslieferung oder Ausschluss ändert nichts an den Wurzeln und der Fortführung der Gewalt. Das Wiederherstellen oder Neuaufstellen der sozialen Beziehungen erscheint nachhaltiger. Beiziehungen, die von der entsprechenden Gemeinschaft unterstützt wird..






Was ist mit der Gemeinschaft gemeint? Das kann der Freundeskreis sein, das Autonome Zentrum wie auch der Arbeitsplatz, die Schule, die Nachbarschaft, da wo, wie gesagt, der Konflikt passiert ist. Dazu gibt es einen weiteren Oberbegriff der übersetzt sowas wie „gemeinsame Verantwortungsübernahme" community accountability heisst'. ...gemeinsame Verantwortung heisst, die klassischen Aufteilungen wie „Opfer" und „Täter" und wir die Guten und sie oder er das Böse, abzulehnen, weil es herauszufinden gilt, in welchem Zusammenhang welchen Hintergründen die Tat geschehen ist, die Ursachen zu erkennen ( Stichwort: intersektionales System) und daraus neue Handlungen entwickeln zu können,





Der Gemeinschaft kommt dadurch eine vielleicht anfangs nicht zu bewältigende Rolle zu,wird sie doch selbst gefordert, ihrerseits anzuerkennen, das wir alle Möglichkeiten und Fähigkeiten haben, Gewalt in verschiedenen Situationen auszuüben, und sei es auch nur bei dem Moment, wo wir andere stigmatisieren, ausgrenzen, Gewaltverhältnisse durch individuelle Übertragung negieren... und deshalb als Ziel auch eine Transformation des gesamten Umfelds erreichen müssen..


Beispiel: Wenn ein Armer eine andere Arme beklaut, so helfen weder Knast noch Wiedergutmachung, sondern nur der gemeinsame Kampf gegen die Armut (und deren Ursachen)


Soweit zur Theorie: In der Realität sind diese Gemeinschaften kaum oder nur ansatzweise vorhanden.. das Erarbeiten solcher Gemeinschaften sollte schon eine der Voraussetzungen für eine wirkliche Breite der umgestaltenden Gerechtigkeit sein..für eine grundlegende Änderung zu einer straf-und repressionsfreien Gesellschaft müssten die Inseln der Autonomen Zentren und sogenannten Affinitätsgruppen verlassen und mehr den Schwerpunkt in die alltäglichen Kämpfe verlagert werden, in die Stadtteile, die Fabriken, die Nachbarschaft usw, bleiben sie in ihren "geschützten Räumen" (Stichwort: Safety Spaces), erinnert mich das eher an eine Erzählung von Edgar Allan Poe „Die Maske des roten Todes"...






die transformative Gerechtigkeit erscheint momentan zwar nur im lokalen Rahmen umsetzbar... aber da es nur in der jeweiligen Gemeinschaft Sinn macht, kann es auch nicht als allgemeines Dogma übertragen werden, was den anderen jeweiligen Gemeinschaften aber Raum und Möglichkeit lässt, ihre eigenen Prozesse in Gang zu setzen …





Vielen Dank für die Aufmerksamkeit !

W.H.   (aboli@riseup.net)




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